Feb 25 2010

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Von Visionen und Wirklichkeiten

Abgelegt 11:10 unter Ausgabe März/April 2010, Schwerpunkt

Einmal Schulleiterin und zurück – von einer Grundschullehrerin, die sich der fortschreitenden Bürokratisierung zulasten der eigentlichen Arbeit mit den Kindern widersetzte. (von Nicole Ziese)

»Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!«, das Zitat des Literaten und Mit begründers der »Gruppe 47«, Günter Eich, ist das Lebensmotto der Lehrerin Beatrice Wannenmacher. Wenn man denn die Motivationen und Ziele eines vielschichtigen Menschen auf ein einzelnes Lebensmotto herunter brechen kann. Es handelt sich also vielmehr um eine Annäherung. So wie die Beschreibung eines Menschen immer nur eine Annäherung ist – eine Haltung, die Wannenmachers Arbeiten mit ihren Schülern und dem Kollegium bestimmt. Das sollte eine
Selbstverständlichkeit sein. In jedem Beruf, bei dem der Umgang mit und die Fürsorge für Menschen im Mittelpunkt steht. Aber wenn Bürokratie und Budgetkürzungen dazu führen, dass im Schulalltag immer weniger Zeit für den Schüler bleibt, gerät diese »Pflicht« des Lehrerberufes
immer mehr zur »Kür«. Und der Einzelne muss Entscheidungen treffen, um diese beiden Bereiche wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Wannenmacher hat das getan: und nach 19 Jahren Ihre Tätigkeit als Schulleiterin aufgegeben. Und ist wieder »einfach nur Lehrerin«.
Frühe positive Prägung hinsichtlich der Themen Schule und Bildung erfuhr sie insbesondere durch ihren Vater. »Ich stamme aus einer Lehrerfamilie und bin mit mehreren Geschwistern aufgewachsen. In meiner Wahrnehmung waren seine Lehrtätigkeit und der erziehende Umgang
mit Menschen der Mittelpunkt seines Lebens. Außerdem war er sehr interessiert an der Ausbildung seiner Kinder, so dass Schule in meinem Leben eine zentrale Rolle spielte«. Wobei dieser sehr auf den Mensch fokussierte Bildungsansatz ihres Vaters in der Mitte des 20ten Jahrhunderts nun keineswegs selbstverständlich war – eine Zeit, in der der Rohrstock noch lange nicht aus allen Klassenzimmern verbannt war. »Was mich interessiert, ist der Mensch«, resümiert Wannenmacher denn auch auf die Frage, warum sie sich für den Grundschulbereich entschieden habe. Und sie hebt hervor, dass in der Grundschule die Entwicklung und Ausbildung der gesamten Persönlichkeit der Kinder
im Vordergrund steht.

Eigene Vita als Basis

Beide Aspekte dieses früh angenommenen Wertekanons, nämlich die Freude an der Lehr- und Erziehungsarbeit sowie das »Unbequemsein« in Günter Eichs Sinne, haben Wannenmacher dazu bewogen, im Jahr 1988 die Schulleitung an einer kleinen Dorfschule im westlichen Niedersachsen zu übernehmen. »Ich habe bereits an dieser Schule unterrichtet und hatte schon Vorstellungen, wie ich die Schule weiterentwickeln wollte. Trotzdem habe ich gezögert und zunächst gezweifelt, ob ich der Aufgabe gewachsen sei«, so Wannenmacher. Und die Aufgaben waren umfangreich: Bei der Übernahme der Schulleitung gab es noch kombinierte Klassen, es fehlte an Räumen für einen zeitgemäße Unterricht, es gab weder ein Sekretariat noch ein Schulbüro. »Bei der Amtsübergabe habe ich drei Schnellhefter von meinem Vorgänger übergeben bekommen«, schmunzelt Wannenmacher bei der Erinnerung. In den folgenden Jahren hat sie eine Erweiterung der Schule für 1,5 Millionen (damals noch) DM realisiert, so dass für jeden Jahrgang ein eigenes Klassenzimmer, eine Bücherei sowie ein PC-Raum eingerichtet werden konnte. Besonders wichtig aber war ihr der Ausbau des musisch-künstlerischen Bereiches. »Ich habe einen Multifunktionsraum für musisch-ästhetische Erziehung eingerichtet, in dem auch Theateraufführungen möglich waren«, berichtet Wannenmacher stolz über die Vielzahl an Veränderungen, die sie in der Grundschule dieses 1000 Seelen Dorfes umsetzte. Und dabei nicht
Widerstand zu brechen, sondern zu begeistern verstand. »Lassen Sie mich erneut ein Zitat bemühen, um meine Herangehensweise zu beschreiben«, bittet sie und führt den folgenden Satz von Antoine de Saint-Exupéry an: »Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommele nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer«.

Ein Schritt zurück statt Rückschritt

Der bislang aufgezeigte Lebensweg zeigt, dass Wannenmacher alles andere als ein Fortschrittsverweigerer ist. Und dennoch hat sie das Amt der Schulleitung freiwillig abgegeben und ist in den reinen Lehrbetrieb zurückgekehrt, als die Schulämter vor Ort aufgelöst wurden und viele der anfallenden Aufgaben von den Schulleitungen übernommen werden mussten. Immer öfter wurde sie wegen solcher Aufgaben aus dem Unterricht herausgeholt und musste die Klasse dann allein lassen. »Ich fühlte mehr und mehr Diskrepanz zwischen der Erfüllung der Aufgabe einerseits und der Intensität, mit der ich die Aufgabe erledigen wollte «, so Wannenmachers Fazit. 2007 entschied sie sich dann endgültig, vom Amt der Schulleitung zurückzutreten. Denn ihre Vision des idealen Grundschulwesens ist nicht die Effizienzsteigerung der bürokratischen Abläufe, sondern die Etablierung kleiner Klassen mit maxi mal 20 Kindern. Statt das Fachlehrer-Prinzip an Grundschulen auszubauen, wünscht sie sich eine Stärkung des Klassenlehrer-Prinzips. Sie macht sich stark für regel mäßige Supervisionen für Lehrer und Schulleitung und die Abschaffung von Noten im Grundschulbereich zugunsten regelmäßiger Lernstandsbeschreibungen. Und, und, und. Kurz: Wannenmacher wünscht sich Wandel. Sie wünscht sich, dass das so oft bemühte »Der Mensch (das Kind) im Mittelpunkt« an der Grundschule wahr wird. Und sie bleibt sich damit treu. Sie möchte wieder einmal Sand verstreuen, damit die Politik mit dem Ölfilm der Bürokratie nicht das Schulwesen derart auf Stromlinie bringt, dass die Kernidee der Institution Schule verloren geht: Die Vorfreude der Kinder auf sich selbst zu wecken, zu fördern und zu stärken. Und dabei besonderen Wert auf die Kreativität der Kinder zu legen! (von: Nicole Ziese)

3 Kommentare

3 Kommentare to “Von Visionen und Wirklichkeiten”

  1. Birte Reutheram 10. März 2010 um 20:49 1

    Ich habe mit großem Interesse und wachsender Begeisterung diesen Artikel gelesen und bewundere den Mut dieser Kollegin, ihren Status aufzugeben und im Interesse der Kinder “zurück ins Glied” zu treten. Chapeau Frau Wannenmacher, Ihr Beispiel sollte im wahrsten Sinne des Wortes “Schule” machen, es würde den Verantwortlichen unseres Schulsystems zumindest einen Denkanstoß geben, wie sie aufgrund von PISA und anderere Katastrophen ihr (nein UNSER) Schulsystem sinnvoll restrukturieren.

  2. Horst Schumacheram 15. März 2010 um 13:53 2

    Herzlichen Glückwunsch zu dieser mutigen und nachahmenswerten Entscheidung zu Gunsten der Kinder, die im Mittelpunkt allen pädagogischen Handelns, heute mehr denn je, stehen sollten. Leider ist es nuir so, dass “eine Schwalbe noch keinen Sommer” macht aber vielleicht doch die eine Kollegin oder den anderen Kollegen ermuntert, eben so zu handeln.
    So wie zur Zeit geht man nicht mit engagierten Kolleginnen und Kollegen um!

  3. Hans Braunam 16. März 2010 um 10:32 3

    Schön, dass es sowas gibt. Ich kenne einige Leitungskräfte, die sich ausgebrannt fühlen und ihre Leitungsaufgaben gerne wieder abgeben würden – vielleicht auch nur auf Zeit. Leider verlieren sie dann jeglichen Pensionsanspruch, haben also erhebliche finanzielle Nachteile.
    Deshalb die politischen Forderungen:
    – Ändert endlich das Beamtengesetz so, dass die anteilig erworbenen Pensionsansprüche erhalten bleiben.
    -Schafft Möglichkeiten, dass Schulleitung auch für Teams offen sind, nicht nur für Einzelpersonen.
    - Befreit den Leitungsjob von verwalterischem Ballast, statt immer mehr drauf zu packen.

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