Feb 25 2010

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Judith Luig

Pausenbrot statt Powerlunch

Abgelegt 11:39 unter Ausgabe März/April 2010, Schwerpunkt

Teach First schickt Topabsolventen in den Unterricht an Brennpunktschulen. Nach den Erfolgen des Programms im Ausland startet die Idee jetzt auch in Deutschland.

Wenn es nach Kaija Landsberg geht, bekommt der Lebenslaufmarkt gerade kräftig Konkurrenz: Auslandssemester, soziales Engagement, Einserdurchschnitt – das ist alles längst Selbstverständlichkeit für die, die hoch hinaus wollen. Ab diesem Schuljahr gibt es noch etwas
Neues für Karrieremacher. Etwas, das vielleicht weniger exotisch klingt, dafür aber eine umso größere Herausforderung ist: Die Teilnahme bei »Teach First«. Für zwei Jahre werden Topabsolventen als so genannte Fellows dem Unterricht in einer Brennpunktschule assistieren. Sie sollen
dort individuell Karrieren fördern, Vorbild sein, begeistern und motivieren.

Idealismus trifft soziale Wirklichkeit

Kaija Landsbergs Plan ist sozial motiviert: »Die Fellows sind nur Mittel zum Zweck«, erklärt die Geschäftsführerin von Teach First. »Was wir wirklich wollen, ist Schülern eine Chance zu geben.« In Deutschland ist der gesellschaftliche Hintergrund der Schüler zu eng an ihren Bildungserfolg geknüpft. »Diesen Teufelskreis wollen wir durchbrechen helfen.« Die Schüler gewinnen durch dieses Programm einen Partner,
der sich um ihre persönliche und fachliche Ausbildung bemüht und darüber hinaus Entwicklungspläne für sie erarbeitet. Die Fellows gewinnen Erfahrung in Bereich der Konfliktlösung, von denen sie in als Führungskräfte im späteren Berufsleben profi tieren werden. Die Firmen, die das Programm unterstützen, rekrutieren des weiteren gerne zukünftige Mitarbeiter aus den Reihen der Fellows. Langfristig, soll das Ganze auch dem Bildungssystem zugute kommen: Die Erfolge von Teach First in anderen Ländern haben es gezeigt: Ehemalige Fellows, die in führenden
Positionen im Bildungswesen, in der Politik oder in der Wirtschaft landen, setzen sich später mehr für benachteiligte Schüler ein und verändern so langfristig die Bildungsmisere. »Teach First« will helfen, dass langfristig auch ein Wandel in unserem Bildungssystem eintritt«, In gewisser Weise arbeitet »Teach First« also an einem Paradoxon. Auf der einen Seite ist es eine Elitenförderung, auf der anderen Seite setzt es sich dafür ein, dass die Kluft zwischen den Bildungsschichten schrumpft. Die Unterbringung der Institution »Teach First« wirkt erstmal sehr elitär. Das Gebäude der Verwaltungsräume an der Berliner Friedrichstraße gibt sich edel: Über ausladende Steintreppen mit goldenen Geländern betritt der Besucher die komplett internationalisierte Elite-Kaderschmiede der »Hertie School of Governance«, deren extrem gut ausstaffierten Räumlichkeiten Teach First mitbenutzt.


Der Start ist geglückt

Die Initiatorin, die selbst hier studiert hat, aber wirkt völlig frei von solchen Eitelkeiten. Kaija Landsberg sitzt in einem Seminarraum, den sie kurzfristig zu ihrem Besprechungszimmer deklariert hat und resümiert über den Start des Programms: »Der Anfang ist uns gut gelungen. Jetzt aber müssen wir aufpassen, dass wir nicht selbst die Verhältnisse schaffen, die wir ändern wollen und die Auswahl unserer Bewerber zu exklusiv machen. Wir wollen keinen Glamour, wir wollen Mehrwert.« Landsberg ist die optimale Geschäftsführerin eines Projekts, das zwei Welten zusammen bringen will. Ihr Auftreten ist versiert, überlegt und dynamisch, womit sie auch die hochkarätigen Sponsoren beeindrucken dürfte. Zudem ist sie herzlich, unkompliziert und aufmerksam. Eigenschaften von denen gerade Rat suchende Programmteilnehmer, also die so genannten Fellows, profitieren dürften. Die 66 ersten deutschen Fellows erproben sich gerade an verschiedenen Haupt- und Gesamtschulen in drei Bundesländern. Sie sind zwischen 22 und 37 Jahre alt, aber Jugend ist keine Bedingung. »Grundsätzlich wären wir offen bis 65 Jahre«, sagt Landsberg. Diversität ist bei dem Programm wichtig: Einige der Fellows kommen frisch vom Bachelor Examen, andere sind promoviert . »Viele der Teilnehmer sind die ersten ihrer Familie, die Abitur gemacht haben«, erklärt Landsberg. Einige kamen selbst über den 2. Bildungsweg, einer hat sogar als Kind eine zeitlang auf der Straße gelebt. In Nordrhein Westfalen haben die Teach First-Teilnehmer bereits sehr gute Erfahrungen gemacht. »Das Kollegium hat mich sehr warmherzig empfangen«, berichtet ein Teilnehmer. Das Teamteaching mit dem Lehrer habe auf Anhieb funktioniert und überall sei er auf großes Interesse an dem Projekt gestoßen – auch auf Seiten der Schüler. Eine große Herausforderung sei es natürlich, von dem System, in dem man selbst gelernt hat, auf ein ganz anderes umzustellen. »Ich muss mich noch an das Tempo der Schüler gewöhnen«, erwähnt ein anderer. 66 Fellows sind noch eine recht bescheidene Zahl: 730 Bewerbungen hat es gegeben. Die Idee des Programms hat also schon mal eingeschlagen. 100 Plätze hätte man besetzen können, aber so leicht sei es eben nicht, qualifizierte Leute zu finden, meint Landsberg. Viele ansonsten geeignete Kandidaten schreckt die Länge ihres Einsatzes ab. Aber wenn die Fellows nur ein Jahr eingesetzt würden, würde sich das Programm nicht lohnen. »Wir haben enorm hohe Kosten schon bei der Auswahl der Bewerber, dazu kommt die drei monatige pädagogische Blitz-Ausbildung «, sagt Landsberg. Was noch viel wichtiger sei: »Es geht ja schließlich um die Entwicklung der Schüler. Man muss da schon ein paar Monate investieren, um überhaupt erste Erfolge zu erzielen. Das kann man nicht nach einem Jahr wieder hin schmeißen.« Oberste Priorität bei der Auswahl von Bewerbern habe ihr Engagement, welches noch wichtiger sei als die Noten. »Wen wir nehmen, der muss maßgeblich zu irgendetwas beigetragen haben.« Da es vor allem um die Entwicklung von Persönlichkeiten gehen, sei auch die Liebe zum Menschen entscheidend. Und vorurteilsfrei müssten die Bewerber sein. Nicht nur dem einzelnen Schüler, sondern auch der Schulform sowie den Kollegen gegenüber. Arroganz will Landsberg auf keinen Fall dulden. »Wer bei uns über Lehrer lästert, der ist sofort draußen«, sagt sie.

Eine amerikanische Idee macht Schule

»Teach First« berührt das Thema Bildung an einem neuralgischen Punkt. Das Programm wurde lange vor dem Start heiß diskutiert. Wenn man Topabsolventen zur Lebenslaufoptimierung in der Hauptschule einbringt, setzt man diese Schulform dann nicht einem Entwicklungsland gleich? Landsberg lacht und überlegt kurz. »Diesen Vorwurf habe ich noch gar nicht gehört«, sagt sie. Zustimmen kann sie diesem auch nicht: »Wir kommen ja nicht an die Schule, weil wir wissen würden, wie es besser geht. Wir kommen, weil wir wissen, wie schwierig es ist.« Überhaupt ist sie sehr bemüht, das, was sie ändern will, nicht auch noch durch das Reden über ihr Programm zu manifestieren. »Wir versuchen Begriffe wie
Elite und Unterschicht zu vermeiden, aber irgendwie landet man immer wieder in dieser Falle. Vielleicht kann mir ja mal ein Kommunikationsberater erklären, wie wir da rauskommen.« Es muss sich auch noch zeigen, wie die Kollegen der Fellows auf ihren Lehrerassistenten reagieren: Werden sie bevormundet fühlen? So als käme jetzt jemand, der glaubt, mehr Begeisterung und Talent für die Schüler mitzubringen? Da hat Landsberg keine Sorge: Die ersten Wochen haben gezeigt, dass der Umgang im Kollegium ganz hervorragend klappt. Die Idee von »Teach First« stammt aus den USA, wo jährlich 4.500 Fellows das Programm durchlaufen. »Teach for America« heißt es dort patriotisch. Die deutsche Variante hat sich den britischen Namen zum Vorbild genommen. »Teach First«, sagt Landsberg, »das soll bedeuten, Schule zuerst, aber danach kommt noch ganz viel anderes.« Aber so hundertprozentig überzeugt scheint auch sie von dem Namen nicht. In Holland, wo das Programm gerade in Gründung ist, nennen sie sich »Erste Klasse«. »Das Wortspiel finde ich super.«

Die Schüler machen den Erfolg aus

Zusammen mit einem Kommilitonen der »Hertie School of Governance« hat Kaija Landsberg die Idee der Turbolehrer im Problemschuldienst nach Deutschland gebracht. »Ich habe meine Abschlussarbeit darüber geschrieben«, sagt sie. »Integration und Migration waren irgendwie immer schon meine Themen.« In Großbritannien hat sie sich angeschaut, wie die Idee glücken kann. »Ich habe gesehen, wie in einem Klassenzimmer der Funke übergesprungen ist, das war enorm«, sagt sie. Danach hat das Konzept sie nicht mehr losgelassen. Gerade laufen die ersten Evaluationen des deutschen Programms. »Allerdings ist das nicht ganz einfach nach so kurzer Zeit. Was genau kann Gegenstand so einer Auswertung sein?«, fragt Landsberg. Sie selbst hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, langfristig 1000 – 1500 Fellows pro Jahr unterzubringen. Das Programm fest im Lebenslauf der Topabsolventen zu etablieren, würde einen wesentlichen Erfolg darstellen. »Wir haben es geschafft,
wenn durch den Einsatz der Fellows mehr Schülerinnen ihren Abschluss schaffen.«

6 Kommentare

6 Kommentare to “Pausenbrot statt Powerlunch”

  1. Britta Franzenam 2. März 2010 um 18:24 1

    Ich habe diesen Artikel mit großem Interesse gelesen und habe mich gewundert was es so alles gibt. KAnn das so funktionieren? Also vom Grundsatz her finde ich es ja nicht schlecht, dass solche Leute in die Bildungsrealität Einblick erhalten. Aber zwei Jahre sind schon ungeheuer lang. Ob da ein 3-monatiger Pädagogik Crashkurs ausreicht?

  2. Christian Wildam 3. März 2010 um 13:08 2

    Mir geht es ähnlich wie Frau Franzen. Den Artikel finde ich sehr interessant, aber kann das denn wirklich funktionieren? Sind wir schon soweit, dass wir angehende Manager in Brennpunktschulen abhärten müssen? Wie geht es weiter? Werden wir demnächst dann von der Arge arbeitssuchende Menschen zur Seite gestellt bekommen um das Teamteaching und die Individualisierung im Unterricht realisieren zu können ….?
    Ich weiß ja nicht, stehe dem hier beschriebenen Modell sehr skeptisch gegenüber.
    MfG C. Wild

  3. Rene Kastenbeinam 7. März 2010 um 08:43 3

    Ein sehr interessanter Artikel und zurecht eine Kritik, die es ernstzunehmend gilt, wenn wir von einem Paradoxon der Elitenbildung und gleichzeitig einer Förderung von Benachteiligten sprechen.
    Aber, mit Erlaub die deutschen Schulen befinden sich nicht gerade auf einem guten Niveau, die Schule als System scheint mir als sich selbst genügend, die Lernbereitschaft von Schule mit Lehrern wie Schülern und Eltern oftmals ebenso. Die Situation der Gesellschaft hat sich geändert, es geht uns Materiell besser als je zuvor, gleichzeitig fördern grenzenlose Möglichkeiten Orientierungslosigkeit und der Arbeitsmarkt bietet vielen jungen Menschen ein Hoffnungsloses Bild.
    Rahmenbedingungen ändern sich und auch unser Schulsystem müssen sich ändern- tun sie ja auch mittlerweile schleichend. Wiso nicht auch Projekte wie “teachfirst” einführen, wo die “besten” für die sogenannte “Unterschicht” eingesetzt werden, wo Menschen die mit ihrem Lebenslauf auf der “Sonnenseite” stehen etwas “abgeben” können an Menschen denen es nicht so geht. Ich finde es förderlich, wenn es wieder selbstverständlich ist Hilfe anzunehmen, ohne sich zu schämen oder als Mensch zweiter Klasse zu gelten.
    Unser Schulsystem orientiert sich neu und dies wäre ein Versuch, eine Richtung die es auszuprobieren gilt, wenns nicht klappt, dann haben wissen wir wenigstens welche Richtung es nicht zu beschreiten gilt.

    Mit besten Grüßen
    René Kastenbein

  4. Anjaam 17. März 2010 um 09:09 4

    Teach First ist für angehende Führungskräfte eine wunderbare Möglichkeit die eigenen Fähigkeiten in Motivation, Stressbewätigung und Führung unter schweren Bedingungen zu lernen und Strategien zu entwickeln resignierte und chaotische Menschen zu fördern. Warum sollten nicht beide Seiten davon profitieren. Um sich aber auf die Schüler und deren Situation einzulassen sind weit mehr als nur drei Monate der Begleitung notwendig, auch um Erfolge der Arbeit zu sehen…

    Schöne Grüße von Anja, die mit Schulabbrechern und Schulverweigerern arbeitet.

  5. Annaam 17. März 2010 um 22:50 5

    Nein, ich halte dieses Konzept für absolut falsch und bin entsetzt, dass offenbar viele Lehrer davon begeistert sind. Ich frage mich hier, warum ich mir eigentlich die Mühe gemacht habe, dezidiert auf Lehramt zu studieren, wenn Organisationen wie “Teach First” der Meinung sind, Lehrer sei ein netter Mal-eben-zwischendurch-für-meinen-Lebenslauf-Job, den man nach einem Pädagogik-Crashkurs locker leisten kann. Die “Teach First”-Kandidaten werden darüber hinaus trotz geringerer Stundenzahl und pädagogischer Minimalqualifikation besser bezahlt als Referendare.

    Welchen Stellenwert des Lehrerberufs vermittelt denn ein solches Programm den teilnehmenden Schülern und Eltern?

    Letztlich doch den, dass am Schulmisserfolg etc. hauptsächlich doch die Lehrer Schuld sind – die lehren halt nicht richtig. Lasst doch mal “richtige” Menschen aus der Wirtschaft ran, die zeigen dann diesen pädagogischen Trantüten aus dem Kollegium wo’s lang geht! /ironie off

    Mehr noch als in jeder Schulreform, die bekanntlich halbjährlich neu durch’s Dorf getrieben wird, macht dieses Programm Schüler und Teilnehmer zu Versuchskaninchen. Die Professionalisierungsforschung für Lehrer ist seit einigen Jahren dabei, die berufliche Entwicklung von Lehrern “on the job” voran zu bringen. Jetzt wird sie durch “Teach First” unterminiert. Gruselig!! Und hier wird in die Hände geklatscht?

  6. Marinaam 7. April 2010 um 15:36 6

    Ich möchte mich meiner Vorrednerin anschließen. Unterrichten und Lehren ist ein Beruf der höchste pädagogische und didaktische Fähigkeiten erfordert. An diesem Punkt mangelt es der aktuellen Lehrerausbildung jedoch, denn der Schwerpunkt liegt wesentlich mehr auf der fachlichen Ausbildung. Ein Programm wie teachfirst rekrutiert ebenso Fachwissenschaftler mit einem zumeist überdurchschnittlich hohem sozialem Engagement. Das ist natürlich löblich und teilweise auch gut gemeint, löst aber nicht annähernd das eigentliche Problem. Was unser Land braucht sind vor allem gut ausgebildete Pädagogen und Didaktiker. Daran müssen wir arbeiten und dort muss unser Land sein Geld investieren.

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