Feb 25 2010
Lebensraum Schule
Schulen sind Orte zum Lernen – und zum Leben. Wie ernst der Einfl uss von Architektur auf das Lehren und Lernen heute genommen wird, zeigt die moderne Schularchitektur.

Kinder und Jugendliche verbringen von klein auf viel Zeit in Kita, Kindergarten und Schule. Die Bildungseinrichtungen stellen längst einen zentralen Lebensraum für die Schülerinnen und Schüler dar. Umso wichtiger ist es, dass die Gebäude sowohl eine Umgebung zum Lernen, als auch zum Wohlfühlen bieten. Ideen und Entwürfe gibt es viele – allein die finanziellen Mittel sind häufig zu knapp und so entstehen viele der innovativen Schulneubauten zur Zeit vor allem im Privatschulsektor. »An Neubau ist bei uns nicht zu denken«, berichtet Egon Tegge, Schulleiter des Goethe-Gymnasiums in Hamburg.
Architektur in der Gesellschaft
Dabei ist die Modernisierung vieler Schulgebäude in Deutschland längst überfällig. »Was fehlt, sind vor allem ausreichende Sozial- und Gemeinschaftsflächen, gut ausgestattete Mensen und mehr individuelle Arbeitsplätze für Schüler, aber auch für Lehrer«, beschreibt Egon Tegge den Bedarf vielerorts. Entstanden sind die meisten der heutigen Schulgebäude in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg oder in den 60er Jahren, als die geburten starken Jahrgänge mehr Schulraum erforderten. Eilig errichtete man damals große, nüchtern-funktionale Bauwerke, die dem Ansturm auf die Schulen standhalten konnten. Es wurden Klassenräume statt Lernräume gebaut. Den modernen pädagogischen Ansprüchen werden diese jedoch längst nicht mehr gerecht. »Die Schulen können sich den Veränderungen der Gesellschaft nur träge anpassen, da sie langfristig ausgelegt sind und lange halten müssen«, erklärt Christof Rose, Pressesprecher der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen.
Es tut sich was in Deutschland
Dass sich dennoch etwas tut in der Schularchitektur zeigen Beispiele, die im gesamten Bundesgebiet an öffentlichen Schulen realisiert wurden: Auf Schulhöfen werden neben Freiflächen für sportliche Aktivitäten immer mehr optisch getrennte Bereiche durch Hecken und Gärtchen geschaffen. Kleine Teiche, Gartenanlagen oder Beete ersetzen betonierte Pausenhöfe und sorgen für geschütztere Rückzugszonen und Ruhebereiche. Die Integration von Frei- und Aktionsfl ächen, die auch ein Unterrichten im Freien oder die Veranstaltung von kleinen Open-Air-
Konzerten ermöglichen, schaffen abwechslungsreiche Aufenthaltsmöglichkeiten. »Grünflächen werden auch immer wieder optisch in die Schulen einbezogen«, beobachtet Christof Rose. So finden sich in einigen Schulen begrünte Aulen. Wo eine Innenbepflanzung nicht realisierbar ist, ermöglichen große Glasfronten, die im Erdgeschoss bis zum Boden reichen, den direkten Zugang zum Garten. »Heute setzt man viel auf eine differenzierte Gebäudestruktur und Grünfl ächen«, erklärt Christof Rose. »Und man unterteilt in verschiedene kleinere Gebäude, um den Schülern einen klaren Bezugspunkt und ein Gefühl der Gemeinschaft zu geben.«
Schule mit Gemeinschaftsgefühl
Eine Schule mit Dorfcharakter zu erbauen, in dem man in einem familiären Miteinander lernt und lebt, schwebte auch den Architekten der plus bauplanung GmbH aus Neckartenzlingen, beim Neubau der Evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen vor. Dazu wurden, gemeinsam mit dem Lehrerkollegium und den Schülern, 30 Klassenzimmer als mehrere Einzelhäuser entworfen. Entstanden sind wahre Unikate, ganz nach den Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler. Von der 5. bis zur 10. Klasse lernen und leben die Schüler in ihren eigenen Häuschen – Renovierung, Instandhaltung des Häuschens und Bestellung des kleinen Gartens inklusive. Die Stadtteilschule passt sich mit ihren kleinteiligen, differenzierten Gebäudestrukturen zudem nahtlos in den Gelsenkirchener Stadtteil ein. So gut, dass ein Lehrer auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch wieder umkehrte, weil er die Schule schlicht nicht finden konnte.
Schüler werden zu selten gefragt
Obwohl heute beim Neu-, Um- oder Anbau von Schulen der pädagogische Aspekt immer weiter in den Vordergrund rückt, werden Schülerinnen und Schüler mit ihren Bedürfnissen und Wünschen nur selten in den Planungsprozess mit eingebunden. »Was gute Architektur ist, wird heute allein durch Architekten oder Fachmedien bestimmt und nicht durch die Nutzer der Gebäude selbst«, bemängelt der Architekt Olaf Hübner. Ein grundsätzliches Problem, dem er mit einem klaren Konzept entgegen treten möchte: Sein Architekturbüro versteht Bauen als sozialen Prozess. Bei den Projekten gibt es keinen »Bauherren«, sondern vielmehr eine »Baufamilie«. Beim Bau einer Schule setzt sich diese aus Eltern, Lehrerinnen, Lehrern und Schülervertretern zusammen. Gemeinsam mit dem Architekturbüro wird überlegt, geplant und werden gemeinsam Lösungsansätze erarbeitet.
Baufamilie statt Bauherr
»Der Partizipationsprozess erfordert eine große Bereitschaft zum gemeinsamen Arbeiten auf beiden Seiten. Das ist ein Geben und Nehmen, eine ständige Weiterentwicklungmit dem Ergebnis, dass sich die Menschen nachher wirklich in ihrer Schule wieder fi nden«, berichtet Olaf Hübner. »Je früher man die Leute mit ins Boot nimmt, umso mehr haben sie das Gefühl, dass es ihr eigenes Gebäude ist.« Dabei hat er die Erfahrung gemacht, dass es nicht ausschlaggebend ist, ob die Menschen lediglich in den Planungsprozess ihrer Schule mit eingebunden werden oder tatsächlich Spachtel und Pinsel in die Hand nehmen. Auch wenn die Ideen und Vorstellungen der Baufamilie durch finanzielle Mittel, Vorgaben des Städtebaus oder Brandschutzverordnungen begrenzt werden, so zahlt sich das Einbeziehen von Lehrern und Schülern in einer engeren, fast liebevollen Bindung zum Gebäude und deutlich weniger Vandalismus aus, wie auch bei der Gesamtschule in Gelsenkirchen zu beobachten ist.
Stimmungsvolle Farben
Um den Wohlfühlfaktor in Schulgebäuden zu erhöhen, werden auch durch den gezielten Einsatz von Farben Akzente gesetzt oder Orientierungshilfen durch Farbleitsysteme geschaffen, die unterschiedlichen Ebenen und Stockwerke kennzeichnen. So gliedert das Raum- und Farbkonzept der Astrid- Lindgren-Grundschule in Bielefeld den Betreuungsbereich in einen aktiven Teil sowie in einen Ruhe- und Konzentrationsbereich. Kräftig Farbe kam auch beim Umbau der Schulaula des Arnsberger Gymnasiums zum Einsatz: In der »SchulStadt- Bibliothek«, die sich nun in den Räumen befindet, sind die Bücherregale auf einem »roten Band« arrangiert. Die Hauptlaufwege befinden sich rechts und links, Sichtachsen ermöglichen zudem die Orientierung.
Materialkompositionen
Ein weiterer, wichtiger »Stimmungsmacher« sind die verwendeten Materialien: Stahl, Beton, Glas und Holz finden sich in unterschiedlichen Kombinationen in den Gebäuden wieder. So wurden beispielsweise zwei transparente Glastürme mit jeweils drei Klassenräumen der Schiller-Schule in Bochum, nachträglich an das denkmalgeschützte Hauptgebäude angebaut. Ihre Schrägstellung und Leichtigkeit bricht bewusst mit der massiven Monumentalität des Altbaus.
Flure werden wohnlich
Mut zu neuen architektonischen Formen beweisen Schulen mit Rundbauten oder kreisförmigen Gebäuden, die ineinander übergehen oder sich in elliptischen Grundformen um ein Foyer winden. Wo früher zugige Durchgangsbereiche lediglich als Verkehrswege genutzt wurden, finden sich heute großzügige Artrien – das Foyer wird zum Herz der Schule mit Aufenthaltsqualität. Hier finden sich nun einladende Sitzgelegenheiten, die auch für Unterrichtseinheiten genutzt werden können, kleine Emporen die sich flugs in aufführungstaugliche Bühnen umwandeln lassen und Cafeterien, die in unmittelbarer Nähe angesiedelt sind. Beim Neubau eines dreizügigen Gymnasiums in Steinhagen wurde so die Eingangs- und Pausenhalle, die Bibliothek und ein großer Veranstaltungsraum in das kreisförmige Atrium eingeplant, um das Zentrum der Schule zu bilden. Davon ausgehend führen strahlenförmig ausgerichtete Gänge zu den Unterrichtsräumen. Vorgaben des Brandschutzes werden in vielen Konstruktionen kreative Lösungen entgegengesetzt: Fluchtwege werden durch Außentreppen oder Balkone ins Freie verlegt. Wo es die Gegebenheiten erlauben, wird flacher und eingeschossig gebaut, mit direktem Zugang vom Klassenraum nach draußen.
Nachhaltige Architektur
Auch in Fragen ökologischer Bauweise gehen viele Schulen mit gutem Beispiel voran und sorgen mit Erdwärme oder Solarpanelen für eine umweltschonende Energiebilanz. Das Nachrüsten mit alternativen Energiequellen sei dabei oft sinnvoller, als Schulen von Anfang an nach dem Passivbau-Prinzip zu errichten, erklärt Olaf Hübner: »Man kann die energiesparenden Konzepte aus dem Wohnungsbau nicht zwangsläufig auf Schulen übertragen, da sie ganz anders genutzt werden.« Schulgebäude quaderförmig zu konstruieren, um ein möglichst großes und damit Energiesparendes Oberflächenvolumen zu schaffen, mache beispielsweise pädagogisch wenig Sinn. Denn »Energiesparende Gebäude zu bauen ist die eine Sache. Pädagogisch sinnvolle Schulgebäude zu errichten eine andere«, erklärt der Architekt weiter.
Neue Unterrichtsformen
»Gefragt sind heute, neben dem Fachwissen, vor allem auch Schlüsselqualifi kationen wie die Fähigkeit zu Teamarbeit oder Medienkompetenz«, bemerkt Christof Rose von der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. »Und darauf müssen die Schulbauten reagieren.« Die Architektenkammer NRW zeichnete im Rahmen des Schulbaupreises 2008 20 Schulen in Nordrhein-Westfalen für ihre innovative und zeitgemäße Architektur aus. Unter dem Motto »In guten Schulgebäuden lernt man besser« hatten sich rund 140 neue, umgebaute oder erweiterte öffentliche Schulen und Ersatzschulen für den Preis beworben. »Schule ist nicht nur Lernort, sondern auch Lebensraum!«, brachte NRW-Schulministerin Barbara Sommer, anlässlich der Preisverleihung im August, die Kernbotschaft des Wettbewerbes auf den Punkt. Dabei wendet sich die Innenarchitektur immer weiter vom klassischen Frontalunterricht ab, hin zu flexiblen Möglichkeiten den Raum zu nutzen: Schiebewände brechen Raumstrukturen auf und ermöglichen Gruppenarbeiten in unterschiedlichen Größen. Klassen können durch bewegliche Zwischenwände zusammengeschlossen und wieder getrennt werden. Statt Klassenzimmern gibt es Lernfl ächen, die sowohl für Gruppenarbeiten als auch für individualisierte Arbeitsbereiche Raum bieten oder räumliche Trennungen nach Alters- und Entwicklungsstufen ermöglichen. Dadurch entstehen so genannte »Differenzierungsräume« , in denen Arbeiten, Lernen, Unterrichten und Teamwork stattfinden kann.
Lehrer arbeiten anders
Auch die Lehrerzimmer erfahren neue Formen. So hat Egon Tegge an seinem Hamburger Goethe-Gymnasium für jede der 55 Lehrkräfte individuelle, vernetzte Büroarbeitsplätze eingerichtet. Seitdem habe sich das Arbeitsverhalten der Lehrerinnen und Lehrer verändert, berichtet Egon Tegge. Viele erledigen die Vorbereitungsarbeiten nun komplett in der Schule und auch die Zusammenarbeit zwischen den Lehrern hat sich intensiviert: »Die Lehrer reden viel mehr miteinander, tauschen sich aus und unterstützen sich gegenseitig.« Die Umsetzung sei gar nicht so kostspielig und aufwändig gewesen, berichtet Egon Tegge. Die Bibliotheken wurden zusammengelegt, einfache Trockenbauwände eingezogen und große, überflüssige Schränke entsorgt. Der dadurch gewonnene Platz bietet seitdem gänzlich neue Nutzungsmöglichkeiten.
Bauen mit Blick in die Zukunft
Die Flexibilität bereits in der Planungsphase zu gewährleisten, erleichtert auch das architektonische Ausrichten auf die Bedürfnisse der Menschen, die in dem Gebäude lernen und leben. Christof Rose unterstreicht zudem den sich aus modernen Schulen ergebenden Wettbewerbsvorteil für die Kommunen: »Städte und Gemeinden können ihr Image als attraktiver Wissens- und Wirtschaftsstandort durch eine innovative Schularchitektur unterstreichen. Und eine außergewöhnliche Schule signalisiert auch den Schülern, dass sie was besonderes sind«, erklärt er. Was im Privatschulbereich schon lange begonnen hat, kann so auch ein Vorbild für Gemeinden und Kommunen sein, den Schulbau langfristig zu überdenken und statt notdürftigen Reparaturen echte Investitionen in die Zukunft des Bildungssystems auf den Weg zu bringen.
Erstmalig erschienen in didacta – Das Magazin für lebenslanges
Lernen, Ausgabe 1/2009, www.didacta.de
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