Mai 27 2010

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Fremdsprachenausbildung am Gymnasium

Abgelegt 12:42 unter Aktuelles, Bildungspolitik

Fehlende Strategie – starre Strukturen – verpasste Chancen
(Klaus Ermecke und Rebecca Ermecke)

Deutsche Unternehmen machen Geschäfte in Asien, Nahost und Südamerika, aber unsere Elite von morgen büffelt weiter Französisch und Latein. Warum scheut die Politik die Ausrichtung der Ausbildung am Bedarf?

Einführung

Deutschlands zukünftige Elite büffelt Fremdsprachen. Bis zu zwei Schuljahre macht aneinandergereiht der Unterricht aus, in dem die Schüler beginnend im 3. Jahr der Grundschule Vokabeln lernen, Grammatik pauken, fremdsprachigen Text übersetzen und gelegentlich sogar frei sprechend Teile eines Dialoges üben.

Kultusdeutschland betrachtet es dabei als wesentliches Merkmal höherer Bildung, daß jeder Schüler bis zum Abitur mindestens zwei Fremdsprachen erlernt(1) Im Standardfall sind dies Englisch als erste und Französisch oder Latein als zweite Sprache.

Aber für den Nachwuchs hat diese Fixierung ihren Preis:

  • Viele Schüler haben kein Talent für Fremdsprachen. Sie quälen sich und scheitern doch mit einer „fünf“ oder „sechs“ in der Zweitsprache, trotz vielleicht ordentlicher Leistungen in anderen Fächern.
  • Viele mäßig begabte Schüler scheitern zwar nicht, erreichen in der Zweitfremdsprache aber nie ein praxistaugliches Niveau. Später scheuen sie sich, die Sprache überhaupt anzuwenden. „Ich kann doch nur Schulfranzösisch“ lautet dann die Ausrede.
  • Einigen sehr guten Realschülern wird der mögliche Aufstieg
    ins Gymnasium verbaut, der Zwang zur zweiten Fremdsprache
    blockiert jeden Übertritt nach dem Beginn der Klasse 6.
  • Auch sprachlich hochbegabte Schüler erhalten am Gymnasium meist keine Gelegenheit, eine „exotische“ Sprache zu lernen.
  • Wählt ein Schüler eine abweichende Sprache (einzelne Schulen bieten auch andere Sprachen außer Latein und Französisch an), bekommt er große Probleme im Falle eines vorzeitigen Umzugs seiner Eltern. Ohne absolvierte zweite Fremdsprache gibt es an der neuen Schule kein Abitur(2)
  • In der Zeit, die mit dem Üben der zweiten Fremdsprache verbracht wird, kann nichts anderes gelernt werden. Die Sprache verdrängt andere Bildungsoptionen(3)
  • Aus Sicht von Wirtschaft und Staat ergibt sich ein anderes Bild, und auch das ist außerordentlich unbefriedigend:

  • Die Wirtschaft benötigt Marketingspezialisten, Verkäufer und Ingenieure zur Betreuung ausländischer Märkte und Kunden: in Japan, China, Brasilien und am Persischen Golf.
  • Medien und Universitäten beschäftigen Mitarbeiter, die im Ausland Erkenntnisse gewinnen und die Meinungen der örtlichen Bewohner präzise in Erfahrung bringen sollen.
  • Die deutschen Sicherheitsbehörden brauchen Sprachübersetzer sowie sprachkundige Agenten, und sie bräuchten eigentlich entsprechend befähigte Soldaten und Polizisten für eine Vielzahl von bestehenden und potenziellen Einsatzräumen.
  • Staat und Wirtschaft suchen Repräsentanten für Botschaften, Auslandsniederlassungen und die Vertretung der eigenen Interessen in einer Vielzahl internationaler Organisationen.
  • Aber fast keiner der an deutschen Schulen ausgebildeten Kandidaten spricht eine der vor Ort benötigten Sprachen.
  • Als Folge ist Deutschland in Schlüsselregionen der Welt personell unterrepräsentiert: bei uns leben etwa 30.000 Japaner, aber nur 4.000 Deutsche leben in Japan. Und von denen sprechen gerade einmal 1/3 Japanisch. Mehr oder weniger(4)
  • Andererseits: Die weit überwiegende Zahl der höher gebildeten Beschäftigten in Wirtschaft und Staat benötigt ausschließlich eine einzige Fremdsprache – Englisch. Die Unternehmen suchen bzw. vermissen vielmehr ganz andere Kompetenzen:

  • Unseren Unternehmen fehlen Ingenieure und Informatiker, aber die Gymnasien schaffen für diese Fächer kaum Anreize und für das Studium nur unzureichende fachliche Voraussetzungen. Für mehr fehlt nach herrschender Meinung die Zeit.
  • Den deutschen Jungakademikern fehlen zumeist selbst grundlegende Fertigkeiten in Management und Organisation(5)
  • Den Abiturienten fehlt oft jegliches Wirtschaftsverständnis(6)
  • Irgendetwas stimmt also nicht mit unserem Gymnasium und seinem Konzept. Dies wollen wir im Folgenden analysieren.

    Für diese Untersuchung werden wir auf mehrere grundlegende Erkenntnisse und fundamentale Werturteile zurückgreifen(7):

  • Das Wissen der Menschheit wächst explosionsartig.
  • Kein Einzelner kann auch nur das Wissen eines Fachgebietes vollständig erarbeiten. Hinsichtlich der Lernkapazität des Einzelnen steht somit Wissen in Konkurrenz zu Wissen.
  • Ein Mensch benötigt zur erfolgreichen und angenehmen Gestaltung seines Lebens Kompetenzen, also die Fähigkeit, Problemstellungen zu lösen. Die Schule trainiert Kompetenzen und vermittelt das für deren Einsatz benötigte Wissen.
  • Der Gesamtnutzen einer solchen Kompetenz ergibt sich aus der Summe der Einzelnutzen, die sich im Laufe seines Lebens aus dem Anwenden dieser Kompetenz ergeben werden.
  • Wissen, das in keinem Zusammenhang zu einer solchen Kompetenz steht, ist für den Menschen wertlos.

  • Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen werden wir im Folgenden den Bedarf an Fremdsprachen analysieren und dabei auch den Wert von Englisch, Französisch und Latein unter die Lupe nehmen. Wir werden dabei die folgenden Fragen beantworten:

  • Zu welchem Zweck sollen unsere Kinder überhaupt Sprachen lernen?
  • Welche Sprachen müssen, und welche sollten gelernt werden?
  • Wie müssen die Sprachen gelernt werden?
  • Wie ist dieser Unterricht zu organisieren, und wie ist er in das Schulsystem einzubetten?
  • Und dies sind unsere wichtigsten Ergebnisse:

    Sprachausbildung heute: klar am Bedarf vorbei!

  • Kein Bundesland plant die Zweitfremdsprache aufgrund einer Bedarfsabschätzung – alle schreiben nur die Tradition fort.
  • „Latein braucht kein Mensch“ (Zitat aus der Industrie)
  • Französisch überbesetzt – andere Sprachen vernachlässigt. Kein Grund für Sprachlernzwang – außer Englisch
  • Die Standardisierung auf die Erstfremdsprache Englisch fehlt.
  • Viele Akademiker brauchen nie eine Zweitfremdsprache.
  • Sprachen sind kein Selbstzweck: man kann Anderes lernen.

  • Die Hürde der Zweitfremdsprache zerstört vielen Menschen die mögliche Karriere.
  • Das Beherrschen anderer Fremdsprachen ist ein Karrierewerkzeug – aber nicht Voraussetzung für ein Studium.
  • Der bisherige Zwang zur Zweitfremdsprache blockiert die Auffächerung des Ausbildungssystems auf viele neue Sprachen.
  • Kein guter Unterricht ohne klare Ziele

  • Sprachenlernen zielt auf „Sprechen können“.
  • Sprache schafft Kompetenzen, die geplanten Kompetenzen bestimmen den Stoffplan.
  • „Kompetenz“ bedeutet das aktive Beherrschen von Szenarien.
  • Effizientes Sprachenlernen erfordert eine neue Struktur

  • Die neue Grundstruktur basiert auf zweijährigen Intensivkursen (A-, B- und C-Block), mit genormten Lernzielkatalogen und jeweils eigenem aussagekräftigen Zertifikat
  • Andere Schultypen, Universitäten und private Institute können ebenfalls A-, B- und C-Blocks anbieten.
  • Die neuen Lehrer sind oft Muttersprachler und selten Beamte.
  • Analyse

    Die Welt – ein Babel!
    Weltweit gibt es noch ca. 6.500 Sprachen in aktivem Gebrauch. Die meisten sind selten und über die Hälfte ist akut vom Aussterben bedroht.(8) Aber zumindest einige Dutzend Sprachen sind weit verbreitet: allein 880 Millionen Menschen sprechen Hochchinesisch („Mandarin“), 218 Millionen Portugiesisch, 127 Millionen Japanisch. Viele dieser Sprachen (s. Kasten links unten!) repräsentieren bedeutende Wirtschaftsräume und faszinierende Kulturen.

    Das Gymnasium heute – Abbild einer anderen Welt
    Das Gymnasium findet nur sehr langsam den Weg heraus aus der Tradition. Abgesehen von der Sprache Englisch, die spätestens ab der Klasse 7 praktisch allen Schülern vermittelt wird, dominieren im Klassenzimmer weiterhin Französisch und Latein. Eine gewisse Bedeutung haben noch Spanisch (zunehmend), Russisch (abnehmend) und Italienisch. Nur sehr wenige Schulen unterrichten Sprachen wie Arabisch, Chinesisch, Japanisch oder auch Niederländisch, Dänisch, Schwedisch oder Polnisch, wobei diese einzelnen Sprachen leider statistisch nicht getrennt erfaßt werden. Die nachfolgenden beiden Schaubilder zeigen den Anteil der Schüler, der in der jeweiligen Jahrgangsstufe die entsprechende Sprache belegt (Schuljahr 2005/06) (9):

    Sprachenlernen – Zweck oder Selbstzweck?
    Sprachenlernen kostet Geld und Zeit. Rechnet man für eine Fremdsprache pro Jahr mit 200 Arbeitsstunden des Schülers, so werden an den deutschen Gymnasien für die „zusätzlichen Sprachen“ (denen außer Englisch) pro Jahr aufgewandt

  • für Französisch: 208 Mio. Arbeitsstunden (50%)
  • für Latein/Altgriechisch: 148 Mio. Arbeitsstunden (36%)
  • für andere moderne Sprachen: 59 Mio. Arbeitsstunden (14%)
  • Werden die Stunden für diese Sprachen verbraucht, so stehen sie für andere Fächer nicht mehr zur Verfügung. Fremdsprachen sind Gegenstand innerstaatlicher Vereinbarungen und Objekt politischer Zielsetzungen:

  • Nach Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz (KMK) müssen alle Gymnasiasten in Deutschland bis zum Abitur mindestens zwei Fremdsprachen erlernen.
  • Die EU wünscht, daß jeder Schüler drei EU-Sprachen lernt (incl. der eigenen Muttersprache)(11).
  • In zwischenstaatlichen Abkommen wurde die gegenseitige Förderung der Sprache des jeweils anderen im eigenen Unterrichtssystem zugesagt.(12)
  • Lernzielkataloge der Kultusministerien sowie Abiturrichtlinien („EPA“) bekennen sich zur europäischen Zusammenarbeit und dem notwendigen interkulturellen Verständnis, also zu allerlei „weichen“ Zielen.
  • Aber sind weiche Ziele eine Grundlage für eine fundierte Aussage, welche Sprachen eigentlich vermittelt werden sollen, in welcher Art und an wie viele Schüler? Wir fragten alle Kultusministerien und die KMK, ob diese eigentlich über eine Bedarfsanalyse verfügten. Das Ergebnis: Fehlanzeige! Kein Bundesland hat eine fundierte Untersuchung darüber, ob man eigentlich weiterhin 208 Millionen Schülerstunden pro Jahr in Französisch investieren oder statt dessen lieber z.B. Chinesisch oder Arabisch forcieren sollte. Und weder der DIHK noch die Wirtschaftsverbände haben diesen Stellen bisher konkrete Forderungen präsentiert. Unserer Auffassung nach fehlt es bezüglich der Fremdsprachenausbildung an operationalisierbaren Zielen – und überhaupt an einer Zieldiskussion!

    Wir sehen für die Fremdsprachenausbildung allein zwei vorrangige legitime Ziele:

  • Förderung der akademischen, beruflichen und geschäftlichen Zukunftschancen des einzelnen Schülers und seiner künftigen privaten Entfaltungsmöglichkeiten
  • Verbesserung der Standortqualität durch Ausbildung trainierter Sprecher für Wirtschaft und Staat, in adäquater Verteilung hinsichtlich der Sprachen und der erworbenen Kompetenzen Wie können diese Ziele erreicht werden? Vor der Klärung dieser Frage müssen wir zunächst die Rollen der Sprachen analysieren.
  • Muttersprachen und Mittlersprachen
    Jeder Mensch lernt in früher Kindheit eine oder zwei Muttersprachen, die ihn meist sein ganzes Leben begleiten: als primärer Teil seiner Identität und Ausdrucksbaukasten seines eigenen Denkens. Dabei ist die Verzahnung der Persönlichkeit mit der Muttersprache besonders intensiv:

  • Der Mensch durchläuft in ihr verschiedene Sprachphasen: Kinder-, Jugend- und Erwachsenensprache; und er lernt verschiedene Ebenen der Höflichkeit und der Ausdrucksform.
  • Er erlebt den Gebrauch der Worte, den Einsatz der Stimmlage, begleitende Gestik und Mimik, die Kunst des Schweigens.
  • Er denkt in dieser Sprache, und in dieser Sprache sammelt er sein Wissen an.
  • Hat er die Wahl, so ist ihm meist die Kommunikation in der Muttersprache am angenehmsten: in dieser kann er intuitiv und schnell alle Gedanken ausdrücken und mit geringstmöglicher Anstrengung zuhören, überlegen und antworten. Aber die Sprachenvielfalt auf der Welt bewirkt Situationen, in denen Menschen unterschiedlicher Muttersprache aufeinandertreffen. Wie sollen sie sich verständigen? Es gibt vier Strategien:

  • Die Parteien bedienen sich eines Dolmetschers.
  • Der eine Sprecher lernt keine Sprachen und läßt sich nur in seiner eigenen Muttersprache ansprechen.
  • Beide Sprecher lernen eine dritte Sprache, von der sie erwarten, daß sie auch von anderen Menschen für diesen Zweck als Fremdsprache erlernt wird. Eine solche gemeinsame Fremdsprache wollen wir hier als „Mittlersprache“ bezeichnen.
  • Der eine Sprecher lernt zuvor die Muttersprache des anderen.
  • Diese vier Strategien haben alle unterschiedliche Vor- und Nachteile – und sie haben Auswirkungen auf die Auswahl der zu lernenden Fremdsprachen und das Unterrichtskonzept.

    Strategie #1: Einsatz eines Dolmetschers
    Ein Dolmetscher kann jederzeit zu fremden Personen oder Unternehmen Kontakt aufnehmen. Auch kann er (bzw. ein Übersetzer) jederzeit Dokumente sichten oder übersetzen.

    Aber den Einsatz eines Dolmetschers gibt es nicht umsonst:

  • Der Dolmetscher kostet viel Geld.
  • Der Einsatz kostet Zeit – die Kommunikation verlangsamt sich, und sie verliert einen Teil ihrer Authentizität.
  • Der Einsatz eines fachunkundigen Dolmetschers zwischen Fachleuten kann zu Fehlern und Mißverständnissen führen.
  • Die fachliche Einweisung eines Dolmetschers führt zum frühzeitigen Offenlegen von Know-How – und damit evtl. einem Sicherheitsproblem.
  • Auch ein Dolmetscher braucht eine gute Sprachausbildung, und ein sehr guter Dolmetscher braucht zumindest Abitur.
  • Strategie #2: Eigene Muttersprache als Nabel der Welt Zur Aufwandsminimierung wäre es eindeutig am besten, überhaupt keine Fremdsprache zu lernen.

    Das Problem: die Nichtverfügbarkeit fremder Sprachen verdammt zur Passivität. Nachrichtenströme und das in der fremden Sprache niedergelegte Wissen bleiben verschlossen. Geschäfte machen dann andere, Bedrohungen aller Art bleiben unerkannt.

    Strategie #3: Nutzung einer Mittlersprache

    Das Erlernen einer einzigen Mittlersprache (z.B. Englisch) ermöglicht den Kontakt mit einer Vielzahl von Menschen in vielen Staaten. Offenbar ist dies die aufwandsminimale Lösung, um mit anderen Menschen und Organisationen in Kontakt zu kommen.

    Aber der Gebrauch einer Mittlersprache führt oft nur zu einer eingeschränkten Kommunikation.13) Mögliche Gründe dafür sind:

  • der ausländische Gesprächspartner selbst ist nicht sattelfest: er kann entweder den gewünschten Inhalt nicht ausdrücken, oder versteht nicht, was wir ihm in möglicherweise geschliffenem Englisch mitteilen wollen.
  • der Gesprächspartner fühlt sich unwohl und unter Streß, es gelingt daher nicht, ihn emotional zu gewinnen.
  • die spezielle Terminologie ist am Anfang oft wechselseitig unklar: Problem beim „Reinforschen“ in einen neuen Markt.
  • Information aus dem Land kann nur dann genutzt werden (z.B. durch Marktforscher), wenn sie zuvor jemand in Mittlersprache übersetzt hat. Inländische Kommunikation in dem Land bleibt im Dunklen.
  • Die Mittlersprache wird vielleicht nur von einer intellektuellen Oberschicht benutzt. Wer Produkte liefern will, muß aber dafür sorgen, daß diese von allen benutzt werden können (Sprache der Dokumentation und der Servicetechniker?).
  • Vielleicht spricht in einer Zielorganisation eine Führungskraft die Mittlersprache, aber nicht die Telefonzentrale oder die Sekretärin. Die Identifikation und Kontaktaufnahme wird dann ein zeitverzehrender Alptraum.
  • Strategie #4: Lernen der fremden Muttersprache

    Das Erlernen der Muttersprache einer Zielperson oder –Firma erlaubt die uneingeschränkte Initiative – sowohl gegenüber Personen als auch zur Erschließung vorhandener Dokumente. Die Limitierungen wie beim Gebrauch einer Mittlersprache bestehen nicht.

    Jeder Zugewinn an Sprachkompetenz kann unmittelbar umgesetzt werden. Die Beherrschung der Muttersprache erlaubt die „Gewinnung der Herzen“, den Aufbau emotionalen Einflusses auf den Gesprächspartner. Und wer Dokumente aus dem Lande lesen muß – als Diplomat, Marktforscher oder Journalist – ist auf die Beherrschung der lokalen Sprache ohnehin zwingend angewiesen.

    Das Problem hier: ein Mensch kann stets nur sehr wenige Sprachen lernen: er muß sehr früh Entscheidungen treffen und legt sich damit fest. Und: Sprachen sind untereinander nicht substituierbar. Wer einem Taxifahrer in Sao Paulo oder Osaka sein Fahrziel beschreiben muß, kann dort mit Kenntnissen in Latein, Französisch oder Arabisch mutmaßlich wenig anfangen.

    Strategien für Unternehmen
    Wie die vorausgegangene Analyse nahelegt, benötigen Unternehmen für ihre Auslandsaktivitäten ein Mix von Kompetenzen:

  • Eine oder mehrere Mittlersprachen für alle Mitarbeiter mit internationalen Aufgaben (evtl. auch als Konzernsprache).
  • Tiefgehende Beherrschung der jeweiligen örtlichen Muttersprache durch Spezialisten für Marktforschung, Marketing und PR, Vertrieb, Kundendienst, Dokumentation.
  • Begrenzte Kenntnis evtl. mehrerer Sprachen für Führungskräfte, zur politischen Repräsentation gegenüber Top-Managern der Partnerfirmen.
  • Stehen qualifizierte Deutsche nicht zur Verfügung, so müssen mehr Einheimische angeheuert werden. Dies schafft evtl. interne Steuerungs- und Kommunikationsprobleme.
  • Sprachen ja – aber welche?
    Unzweifelhaft ist Englisch heute mit weitem Abstand die wichtigste Fremdsprache: (14)

  • Schon als Muttersprache steht Englisch mit 340 Millionen Sprechern auf Platz 4 (s. Tabelle S. 4).
  • Als Wissensarchivsprache steht Englisch auf Platz 1. Die meisten wissenschaftlichen Werke werden heute in Englisch erstoder zweitpubliziert.
  • Englisch ist die Sprache des Internet, des Weltluftverkehrs, des Films und der Musik.
  • Englisch wird immer häufiger Konzernsprache auch in deutschen Unternehmen: ohne Englisch keine Karriere!
  • Englisch ist die präferierte erste Fremdsprache in den meisten wohlhabenden Ländern, und es setzt seinen Siegeszug fort.
  • Gegenüber Englisch fällt die Bedeutung des Französischen deutlich ab. Nur 77 Millionen Menschen benutzen es als Muttersprache, deutlich weniger als z.B. Deutsch (s. Tabelle, S. 4). Damit steht Französisch nur auf Platz 13 der Rangfolge der Weltmuttersprachen. Französisch als Zweitsprache benutzen 50 Millionen15).

    Die verbreitete Annahme, Französisch sei wegen seines offiziellen Status in vielen Staaten Afrikas eine bedeutende Weltsprache, entpuppt sich bei kritischer Analyse als Fehleinschätzung! Die wirtschaftliche Basis fehlt. Frankreich selbst hat ein Brutto-Inlandsprodukt (BIP) von nur ca. 75% des deutschen, und alle 22 schwarzafrikanischen Staaten mit französischem Spracheinfluß bringen es gemeinsam gerade einmal auf etwa 5% des französischen BIP. Viele dieser Länder sind notorisch instabil. Die nordafrikanischen Staaten Algerien, Marokko und Tunesien erzielen gemeinsam ca. 10% des französischen BIP.

    Wir baten BMW (106.000 Mitarbeiter) um eine Einschätzung, wie viele seiner Angestellten eine Fremdsprache außer Englisch benötigten. Diese Zahl liegt bei etwa 10.000. Und für maximal 10% davon ist die benötigte Sprache Französisch.16) Bildet man nun den anteiligen Lernaufwand (vgl. S.5) auf das Bedarfsprofil von BMW ab, so ergibt sich folgendes Bild (s. Abb. rechts unten):

  • Französisch: 50% Aufwand für 10% der Stellen
  • Andere moderne Sprachen: 14% Aufwand für 90% der Stellen
  • Alte Sprachen: 36% Aufwand für 0% der Stellen
  • Unterstellt man BMW als typisch für global tätige deutsche Firmen, dann zeigt sich hier die Ineffizienz unserer Elitenausbildung:

  • Die meisten Arbeitnehmer (auch die akademischen) brauchen niemals eine zweite Fremdsprache, müssen aber eine lernen.
  • Die zahlenmäßige Struktur des gymnasialen Fremdsprachen- Outputs ist falsch: der Französisch-Anteil ist hier (in diesem Einzelfall) um den Faktor 5 zu groß, und für die alten Sprachen gibt es laut BMW überhaupt keinen Bedarf.
  • Die tatsächliche Nachfrage nach einer kleinen aber breit aufgefächerten Sprachelite wird von den Schulen kaum bedient.
  • Sprachenlernen am „Neuen Gymnasium“
    Im Rahmen unserer Vision „Neues Gymnasium“ wird die Fremdsprachenausbildung neu ausgerichtet. Das bedeutet:

  • die klare Standardisierung auf Englisch als 1. Fremdsprache
  • die Abschaffung des Zwangs zum Lernen der 2. Fremdsprache
  • die Ausbildung einer Sprachelite mit einem neuen modularen
    Kurssystem und der Abdeckung zahlreicher neuer Sprachen.
  • Die erste Fremdsprache ist Englisch – „no exception!“
    Englisch ist offensichtlich von überragender Bedeutung für jeden künftigen Studenten und jeden, der eine gehobene berufliche Position anstrebt. Daher ist in unserem Entwurf Englisch die erste Fremdsprache – an allen Schulen und ohne Ausnahme.

    Dies gilt auch für die Grundschule. In den vergangenen Jahren haben alle Bundesländer damit begonnen, in den Grundschulen ab Klasse 1 oder 3 Fremdsprachunterricht einzuführen. Aber auch die Grundschulen vermitteln nicht durchgängig Englisch (s. Kasten links).17) Damit entsteht für den späteren Unterricht am Gymnasium eine heterogene Ausgangsbasis. Die Vorkenntnisse der meisten Schüler können so nicht zur Beschleunigung des gymnasialen Englischunterrichts genutzt werden. Durch diese Inkonsequenz setzt man die Umzugsfähigkeit der Eltern herab und schafft an den Gymnasien überflüssige Probleme.

    Wir plädieren daher für einen verbindlichen Englischunterricht in den Klassen 3 und 4 der Grundschule. Am Gymnasium dienen dann die Klassen 5 und 6 als „Englisch-Prioritätsphase“. Erst ab Klasse 7 wird im Stundenplan ein Zeitrahmen für die Folgefremdsprachen (oder andere Wahlfächer) freigehalten. Diese Standardisierung vereinfacht die Schulorganisation erheblich.

    Der Zwang entfällt – Freie Bahn für neue Sprachen
    Für eine zweite Fremdsprache besteht weder im Studium, noch im Beruf ein regelmäßiger Bedarf. Auch ist das gesellschaftliche Werturteil nicht nachvollziehbar, nur eine Zweitfremdsprache markiere höhere Bildung. Der Zwang wird daher aufgehoben.

    Weitere Sprachen werden dadurch neu positioniert: sie sind freiwillig und für den erfolgreichen Absolventen eine gute Karrierehilfe. Die Abschaffung des Zwangs bringt sofort Vorteile:

  • Die Durchfaller- und Abbrecherquoten sinken. Wer Sprachen nicht mag, der wählt eben andere Spezialisierungsrichtungen.
  • Top-Realschüler finden problemlos den Weg ans Gymnasium.
  • Das eventuelle Hinauswerfen der Sprache schafft Freiraum im Stundenplan: z.B. für Naturwissenschaften, Technik, Mathematik, Informatik, Wirtschaft, Recht oder Philosophie.
  • Die Abschaffung des Zwangs ist die Voraussetzung für die breitbandige Einführung bisher „exotischer“ Fremdsprachen.
  • Vorüberlegungen zur Organisation der Sprachausbildung
    Das vollständige Erlernen einer Sprache kostet sehr viel Zeit. Ein Schüler lernt daher zwangsläufig zunächst nur einen Teil der Sprache. Einige Schüler wollen nur in die Sprache hineinschnuppern, andere wollen sie später umfassend beherrschen.

    Daraus ergeben sich mehrere Herausforderungen:

  • die Sprachausbildung ist zu modularisieren: mit klaren Zielen für jedes einzelne Modul.
  • der Schüler muß später schon mit dem Lernergebnis des ersten Moduls „etwas anfangen können“.
  • Eltern, Schüler und künftige Arbeitgeber müssen verstehen, in welchem Modul welche Kompetenzen erworben werden.
  • Das Lernen einer Sprache zielt vor allem anderen auf die Fähigkeit zur Verständigung. Verständigung findet statt in konkreten Lebenssituationen („Szenarien“). Szenarien sind z.B.:

  • Das Treffen und Begrüßen eines Freundes oder Bekannten in unterschiedlicher Herzlichkeit und Gemütslage
  • Das Betreten eines Ladens, Aussuchen einer Ware und Feilschen um den Preis
  • Das Anrufen in einer Telefonzentrale, Klären einer Zuständigkeit und Verbindenlassen mit der Person
  • Das Gespräch mit einem Arzt über eine Erkrankung oder einen Unfall
  • Diese Szenarien treten in allen Kulturen auf und sind dort ähnlich häufig. Das schafft die Möglichkeit, ein einheitliches Kursschema für alle Fremdsprachen zu definieren. Das Mitteilen einer technischen Störung wird beispielsweise für alle Sprachen Teil des Kurses „A“, während Bewerbungsgespräche in Kurs „B“ wandern.

    Rollenprofile als Bezugsrahmen für die Stoffauswahl
    Nach unserer Analyse sehen wir vier verschiedene Profile, die ein Ausländer typischerweise ausfüllen kann:

  • Der „Besucher“ weilt jeweils nur kurz im Land. Von ihm wird Höflichkeit erwartet aber keine Perfektion und wenig Schriftliches. Meist kommuniziert er 1:1 (mit nur einem Inländer).
  • Der „Resident“: er lebt im Land und muß verstehen, was um ihn herum und mit ihm gesprochen wird. Er muß sich häufig mündlich und schriftlich artikulieren, oft auch in Gruppen.
  • Der „Repräsentant“ muß öffentlich auftreten und sich mündlich und schriftlich stets stilsicher ausdrücken, er braucht ein detailliertes Verständnis der zu vermeidenden „Fettnäpfchen“.
  • Der „Analytiker“ muß Text und Sprachaufzeichnungen exakt verstehen und auswerten, aber nicht fließend kommunizieren.
  • Diese Profile bauen in den sprachlichen Anforderungen aufeinander auf. Ein „Besucher“ kommt zunächst mit nur einem Teil der Szenarien aus und muß sie weniger perfekt beherrschen.

    Organisation des Lernens: das neue modulare Kurssystem
    Die Ausbildung findet in allen Sprachen nach einem einheitlichen Grundschema statt, in drei Modulen, dem A-, B- und C-Block.18) Jedes Modul dauert 2 Jahre und umfaßt 6 Wochenstunden (s. Schaubild unten). Mit 12 Jahreswochenstunden entspricht es dem Zeiteinsatz einer bisherigen dritten Fremdsprache (bisher 3 Jahre á 4 Wochenstunden).

    Die Blocks werden von den Jahrgangsstufen entkoppelt. Sie werden so in den Stundenplan eingebaut, daß jeweils Schüler aus 2 (ausnahmsweise 3) Jahrgangsstufen einen solchen Kurs besuchen können, um so auch bei „exotischen“ Sprachen die notwendige Mindestzahl von Teilnehmern zu erreichen. Die Klassen 5 und 6 werden aber freigehalten („Englisch-Prioritätsphase“). Die Blocks werden den oben dargestellten Anwenderprofilen zugeordnet. Schon der A-Block macht den Schüler fit für alle relevanten Szenarien der Besucherrolle. Dem B- und C-Block sind entsprechend die Profile „Resident“ und „Repräsentant“ zugeordnet. Die Qualifikation für eine „Analytiker“-Rolle entsteht als Nebenprodukt im B- und C-Kurs.

    Jeder Block teilt sich in einen Kommunikationskurs (KK) und einen Schrift- und Lesekurs (SLK). Hierdurch soll sichergestellt werden, daß die Schüler wirklich Sprechen üben und nicht – wie früher üblich – vor allem Text übersetzen. Abweichende Schriftsysteme (z.B. Chinesisch) werden im SLK schrittweise erarbeitet.

    Jeder Baustein endet mit einer wiederholbaren Zentralprüfung und wird mit einem eigenständigen Zertifikat belohnt. Der Schüler kann danach den Folgekurs besuchen oder das Fach wechseln.

    Der A-Block – Spracheinstieg für die Besucherrolle
    Der A-Block vermittelt den „Überlebenskern“ der Sprache und ermöglicht einem „Besucher“ die flüssige verbale Kommunikation vor Ort in zahlreichen Standardszenarien. Klare und korrekte Aussprache sowie das sichere Beherrschen einer Kerngrammatik stehen im Vordergrund. Wortschatz und Ausdrucksformen sind noch beschränkt, aber der Schüler erwirbt ein Gesamtverständnis für die Sprache – als Basis für ein eigenständiges Weiterlernen. Die Landeskunde konzentriert sich auf Geographie sowie jungen Schülern verständliche Kultur- und Freizeitthemen.

    Der B-Block – Grundlagen für das Leben im fremden Land
    Der B-Block führt den Schüler in eine neue Rolle: jetzt übt er Szenarien, in denen er als „Resident“ in dem fremden Land lebt. Die Grammatik wird in diesem Modul komplettiert. Schriftliche Ausdrucksformen erhalten jetzt deutlich höheres Gewicht. Hörund Textverständnis werden stark ausgebaut und damit auch die Voraussetzungen für die „Analytiker“-Rolle gelegt. In der Landeskunde werden Geschichts- und Wirtschaftsthemen vertieft und ein Einblick in das Rechtssystem geschaffen.

    Der C-Block – breitbandige Perfektionierung
    Der C-Block zielt auf das Rollenprofil „Repräsentant“ und dient der umfassenden Perfektionierung. Nach Beherrschen der Grammatik rücken Ausdrucksformen und Stil in der Erwachsenensprache in den Mittelpunkt. Passiver Wortschatz und Hörverständnis werden auf einzelne wichtige Dialekte ausgeweitet. Die Landeskunde erschließt politische und zeitgeschichtliche Hintergründe.

    Vorbereitung auf den Einsatz
    A-, B- und C-Block ersetzen nicht die sprachliche Einarbeitung vor der Übernahme einer Funktion im Ausland, verkürzen aber gegenüber heute deutlich die dafür erforderliche Zeit.

    Gedanken zur Umsetzung
    Die Umsetzung des hier entwickelten Reformmodells erfordert
    zwei Hauptkomponenten: „Aufräumen“ und Neuaufbau.
    Das Aufräumen sollte sofort geschehen – durch Streichen der
    Pflicht zur zweiten Fremdsprache und Standardisierung auf die
    Erstfremdsprache Englisch.
    Für den Neuaufbau ergeben sich zunächst fünf Hauptaufgaben:

  • Die Konzeption und Detailplanung des Modulkonzepts
  • Die Adaptierung des Modells für die verschiedenen konkreten Fremdsprachen
  • Die Bedarfsermittlung und Kapazitätssteuerung
  • Der Aufbau einer Fachaufsicht
  • Die Rekrutierung und Ausbildung der Lehrkräfte
  • Die Konzeption des Modulkonzeptes erfordert das Zusammenführen von Auslandsexpertise aus Wirtschaft, Auswärtigen Diensten, Medien und Sprachwissenschaft. Beratungs- oder Forschungsfirmen erledigen derartige Aufgaben schneller und preiswerter als 16 einzelne Ministerien. Sobald das generische Kursmodell festgelegt ist, sind auf diesem alle Einzelsprachkurse aufzubauen. Die heute bestehenden Lehrpläne und Prüfungsrichtlinien („EPA“) werden ersetzt.

    Die Bedarfsermittlung sollte zunächst durch die Kammern erfolgen sowie evtl. durch das Bundessprachenamt (hinsichtlich der Anforderungen im Staatsdienst). Die Bedarfssteuerung hat „sanft“ zu geschehen: durch sorgfältige Information von Elternund Schülern sowie den sukzessiven Aufbau von Kapazität.

    Ein Kernproblem ist die Rekrutierung geeigneter Lehrer. Offensichtlich wird von einem Koreanisch-Lehrer vor allem die perfekte Beherrschung der koreanischen Sprache benötigt. Deutsche pädagogische Staatsexamen und Erfahrungen in anderen Fächern sind vergleichsweise nachrangig. Es werden also primär Muttersprachler angeheuert werden müssen, mit Deutschkenntnissen und einer pädagogischen Zusatzausbildung.

    In Frage kommen auch in Deutschland lebende Ausländer. In Deutschland leben z.B. 22.000 Koreaner, 62.000 Iraner und 83.000 Vietnamesen.19) Viele von ihnen sind Akademiker, und einige sogar ausgebildete Lehrer. Manche der Akademiker schlagen sich hier mit unterwertigen Tätigkeiten durch und wären vielleicht stolz, wenn sie hier die Chance erhielten, statt dessen deutschen Jugendlichen ihre eigene Muttersprache zu vermitteln.

    Die beste Lösung läge allerdings darin, erfahrene private Lehrinstitute zu beauftragen, die Kurse an den jeweiligen Gymnasien durchzuführen (Outsourcing). Das Institut muß die Kontinuität sicherstellen und bei Ausfall qualifizierte Ersatzlehrer bereitstellen. Lehrer werden in der Regel mobil eingesetzt. Ein anderes Institut sollte die Fachaufsicht übernehmen.

    Epilog:

    Latein – der hausgemachte Bedarf
    Gibt es einen Bedarf für eine Ausbildung in Latein? Jedes Jahr werden Hunderttausende von Eltern in Veranstaltungen der Schulen mit genau dieser Behauptung konfrontiert: „Ja, der Lateinunterricht ist wichtig – wählen sie für ihr Kind diese Sprache!“ Und wer trägt diese Gründe vor? Es sind – die Lateinlehrer.

    Die fünf wichtigsten Argumente:

  • Latein trainiere die logische Denkfähigkeit
  • Latein helfe, später andere (romanische) Sprachen zu lernen
  • Latein helfe, die Kultur und Geschichte des Römischen Reiches zu verstehen, und damit auch unsere eigene Geschichte
  • Latein sei – wegen der einfacheren Aussprache – leichter zu erlernen als Französisch („Fluchtfach Latein“?)
  • Latein sei formelle Voraussetzung für zahlreiche Studiengänge
  • Aber diese Argumentation verliert mit der Einführung des hier propagierten neuen Modells ihre Bedeutung:

  • Auch andere Sprachen haben ihre faszinierende Logik und erlauben ein tiefergehendes Verständnis für die jeweils mit ihnen assoziierten Kulturen
  • Wer Spanisch, Portugiesisch oder Italienisch lernen will, kann dies nach unserem Modell jederzeit direkt tun, ohne Umweg
  • Viele nützliche Sprachen haben eine für uns leicht erlernbare Aussprache: z.B. Japanisch, Türkisch oder Hebräisch
  • Und wer gar keine weitere Fremdsprache wählen will, der läßt es eben sein. Die „Flucht ins Latein“ wird überflüssig.
  • In der Tat aber ist Latein immer noch Voraussetzung für das Studium bestimmter Fächer. Wir versuchen, die Logik zu durchschauen20):

  • Provinzialrömische Archäologie setzt Latein voraus – das ist zunächst vertretbar, denn die Römer und deren Hinterlassenschaften sind Forschungsgegenstand dieses Faches.
  • Ein Hethitologe braucht kein Latinum – richtigerweise, denn das Hethiterreich existierte lange vor den Römern: die Römer kannten es nicht mehr und hinterließen darüber keine Texte.
  • Für Vor- und Frühgeschichte wird Latein vorgeschrieben: das ist unverständlich, denn die Vor- und Frühgeschichte spielte sich sogar lange vor den Hethitern ab.
  • „Neuere und neueste Geschichte“: hilft die Römersprache beim Verständnis von Stalin, Mao, Hitler oder Chomeini?
  • Das Lehramt Gymnasium für Italienisch bzw. Spanisch setzt Latein voraus, nicht aber Italienisch bzw. Spanisch.
  • Ein angehender Jurist braucht heutzutage kein Latinum mehr. Will er aber promovieren, dann braucht er plötzlich eins.
  • In den letzten Jahrzehnten wurden die altsprachlichen Forderungen in vielen Studiengängen (z.B. Medizin) bereits abgebaut. Wir empfehlen eine konsequente weitere regulatorische Entrümpelung.

    Fazit

  • Das Lernen einer Sprache ist kein Selbstzweck. Es hat keinen natürlichen Vorrang vor anderen Bildungszielen. Vielmehr verdrängt es andere Bildungsoptionen und muß sich daher über entsprechende Nutzenerwartungen begründen lassen.
  • Die Abdeckung der Fremdsprachen durch das deutsche Bildungssystem geht am Bedarf vorbei.
  • Englisch ist die Sprache, in der das Wissen der Welt dokumentiert wird. Und fast überall auf der Erde kommuniziert die gebildete Schicht mit Ausländern in dieser Sprache.
  • In praktisch jeder höherwertigen beruflichen Funktion wird Englisch zumindest gelegentlich benötigt. Englisch setzt sich auch in großen deutschen Unternehmen zunehmend als Konzernsprache durch. Wer nicht gut Englisch kann, dem bleibt jede Karriere verschlossen.
  • Die Masse der Arbeitnehmer und Beamten braucht in ihrem Berufsleben nie eine weitere Fremdsprache außer Englisch.
  • Menschen bedienen sich am liebsten ihrer eigenen Muttersprache. Wer im Ausland eine Vertrauensbeziehung aufbauen will (z.B. zwecks des Vertriebes eigener Leistungen oder Produkte), hat große Vorteile, wenn er die lokale Muttersprache zumindest leidlich beherrscht, ebenso wie die damit einhergehenden kulturellen Konventionen und Benimmregeln.
  • Staat und Wirtschaft brauchen gut ausgebildete Sprecher in einer Vielzahl von einheimischen Sprachen (neben Englisch). Folglich müssen die Gymnasien eine Vielzahl von Sprachen ausbilden, und nicht nur einige wenige.
  • Zur effektiven Vermittlung von Fremdsprachen an den deutschen Gymnasien bedarf es einer normierten Struktur.
  • Wirtschaft und Staat als künftige Arbeitgeber brauchen einen verläßlichen Orientierungsmaßstab, welche fremdsprachlichen Kompetenzen von einem Bewerber erwartet werden können.
  • Der behauptete Wert von Latein hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Latein wird daher Nischenfach an der Uni und verliert seine Rolle als Mainstreamfach am Gymnasium.
  • Die Bedeutung des Französischen wird in Deutschland deutlich überschätzt. Fast alle Länder, in denen Französisch eine Rolle spielt, sind wirtschaftlich sehr schwach und unbedeutend.
  • Unsere Empfehlungen

    Politik – Länder

  • Bringen Sie das Thema auf die Agenda der KMK!
  • Normieren Sie die Gymnasien hinsichtlich der ersten Fremdsprache: Englisch für alle – ohne Ausnahme!
  • Standardisieren Sie ebenso die Sprachausbildung an den Grundschulen
  • Streichen Sie den Zwang zur Folgefremdsprache: kein Durchfallen mehr, keine Hürde für den Übertritt von Realschülern!
  • Entkoppeln Sie den Abschluß „Abitur“ und die Ausbildung in Folgefremdsprachen:
  • Englisch bleibt Abiturbestandteil und wird nochmals aufgewertet
  • Folgefremdsprachen sind eine nützliche Zusatzqualifikation und werden getrennt benotet
  • Organisieren Sie die Fremdsprachenausbildung neu, auf der Basis eines modularen Systems („A-“, „B-“ und „C-Block“).
  • Lassen Sie das Konzept von privaten Beratungsfirmen ausarbeiten: schnell und zügig!
  • Schaffen Sie die Rechtsgrundlagen für die Anwerbung und pädagogische Zusatzschulung ausländischer Sprachlehrer und die Rekrutierung von Sprachlehrern von privaten Lehrinstituten auf „Body-Lease“- bzw. „Outsourcing“-Basis!
  • Universitäten

  • Durchforsten Sie Ihre Studienordnungen: eliminieren Sie das Latinum aus den Anforderungskatalogen, wo es nicht unbedingt erforderlich ist
  • Adaptieren Sie die hier vorgeschlagene Blockstruktur für die Sprachausbildung an der Hochschule
  • DIHK

  • Formulieren Sie die Position der Wirtschaft zur Sprachausbildung!
  • Liefern Sie der Politik und den Eltern eine quantifizierte Planungsbasis: wie viele Sprecher werden benötigt? Mit welcher Sprache und welchem Anforderungsprofil?
  • Politik – Bund

  • Bestimmen Sie eine Stelle für die Ermittlung des Sprachbedarfs in der gesamten öffentlichen Verwaltung. Das Bundessprachenamt (im Geschäftsbereich des BMVg) ist eine Option.
  • Schirmen Sie die Entscheidungsfreiheit der Bundesländer ab gegenüber der EU und den Interessen dritter Staaten (d.h. keine einseitige Festlegung nur auf EU-Sprachen, kein Zwang zur Zweitfremdsprache über EU-Regulierung)
  • Endnoten
    1) www.kmk.org/doc/publ/Vereinbarung_schularten_bildungsgaenge.pdf, Ziff. 4.1.3.
    2) Nach Auskunft mehrerer Kultusministerien werden in solchen Fällen oft Ausnahmegenehmigungen erteilt. In den meisten Fällen wird der Schüler die fehlende Sprache nachlernen müssen.
    3) In den Wirtschaftswissenschaften spricht man in so einem Fall von „Opportunitätskosten“. Ein Hauptmangel der bildungspolitischen Diskussion in Deutschland besteht darin, daß die Opportunitätskosten der traditionellen Lehrangebote fast nie kritisch analysiert werden. Unsere Folgestudie „Das ‚Neue Gymnasium’“ wird dieses Thema grundsätzlich aufrollen.
    4) Schätzung der Deutschen Auslandshandelskammer in Tokyo
    5) In unserer Studie „Die verpönte Elite – Management lernen am Gymnasium“ vom Nov. 2006 schlagen wir hierzu eine weitreichende und durchgreifende Reform vor
    6) Mehrere Länder (u.a. Bayern) haben mittlerweile einen verbindlichen Unterricht in Wirtschaft und Recht eingeführt.
    7) In unserer Studie „Das ‚Neue Gymnasium’“ werden wir uns mit der Rolle des Gymnasiums grundsätzlich befassen – und auf dieser Basis eine neue Struktur dieser Schule entwickeln. Hier nehmen wir bestimmte Überlegungen stillschweigend vorweg.
    8) Beispiele sind die meisten nordamerikanischen Indianersprachen und Niedersorbisch in Deutschland. www.ethnologue.com
    9) basierend auf Zahlenmaterial des Statistischen Bundesamtes
    10) Da stark abweichende Datensammlungen existieren, können die aufgelisteten Zahlen aus der Wikipedia nur als Orientierung dienen. Ethnologue klassifiziert Varianten (z.B. Schwäbisch, Bairisch) oft nicht als Dialekte, sondern als eigene Sprachen. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Sprachen_nach_der_Zahl_ihrer_Muttersprachler, www2.ignatius.edu/faculty/turner/languages.htm
    11) vgl. http://europa.eu/documents/comm/white_papers/pdf/com95_590_de.pdf , S. 59
    12) z.B. Abkommen mit Polen: eine Übersicht gibt http://www.kmk.org/doc/publ/Situation_Polnischunterricht.pdf
    13) Das sehen auch die Amerikaner so und beklagen ihrerseits die mangelnden Fremdsprachkenntnisse der US-Akademiker: http://language.stanford.edu/about/conferencepapers/panettapaper.pdf
    14) Zur sich entwickelnden Rolle der englischen Sprache in der Welt aus britischer Sicht vgl. www.britishcouncil.de/pdf/englishnext-2006.pdf
    15) www.ethnologue.com. Die Angaben zur Nutzung des Französischen weichen in den verschiedenen Quellen teilweise stark ab.
    16) Dr. Ludwig Reichart, Bildungspolitischer Sprecher der BMW AG, im Interview
    17) Die Statistik umfaßt auch Klassen, die Einwandererkindern Unterricht in deren Muttersprache erteilen (z.B. Türkisch).
    18) Die Bezeichnungen „A“,“B“,“C“ korrespondieren hier nicht mit der bekannten Codierung in dem Europäischen Referenzrahmen. Wir haben die Großbuchstaben zur Bezeichnung der Blocks gewählt, um diese klar von den Jahrgangsstufen zu trennen, von denen sie entkoppelt sein sollen. Vgl. http://www.kmkfremdsprachen/zertifikat/lernnetz.de/handr/rr.htm#drei
    19) Daten: Statistisches Bundesamt
    20) Die nachfolgenden Beispiele stammen aus dem Merkblatt „Fremdsprachenkenntnisse für das Studium an der LMU“ der LMU München. Im Gegensatz zu früher sind dort die Lateinkenntnisse nicht mehr Einschreibungsvoraussetzung, sondern müssen erst zur Zwischenprüfung oder zum Examen nachgewiesen werden: www.unimuenchen.de/studium/beratung/studienverlauf/fremdsprachen/fremdsprachen.pdf
    21) ebenda

    Quellen
    www.altphilologenverband.de/framesetlatein.html
    www.britishcouncil.de/pdf/english-next-2006.pdf
    www.destatis.de

    http://ec.europa.eu/education/doc/official/keydoc/lb-de.pdf

    www.ethnologue.com

    http://europa.eu/scadplus/leg/de/cha/c11068.htm

    www2.ignatius.edu/faculty/turner/languages.htm
    www.kultusministerium.badenwuerttemberg.
    de/extsites/fremdsprache/karte_franz.htm

    http://language.stanford.edu/about/conferencepapers/panettapaper.pdf

    www.rosettastone.com
    www.uni-muenchen.de
    www.wikipedia.de, www.wikipedia.com

    Interviews
    Wir danken folgenden Interviewpartnern für ihre eingebrachte Zeit sowie ihre wichtigen Informationen, Hinweise, Kritik und Erläuterungen:

  • Dr. Elke Ehrlich, Kultusministerium Sachsen, Dresden
  • Dr. Hartmut Jokisch, Schulleiter, Gymnasium Trittau
  • Rebekka Klages, Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan, Tokyo
  • Carsten Lienemann, Deutsch-Koreanische Industrie- und Handelskammer, Seoul
  • Barbara Mathea, Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend, Rheinland-Pfalz, Mainz
  • Gerhard Nitschke, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, Berlin
  • Adolph Präbst, Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München
  • Dr. Ludwig Reichart, BMW Group, München
  • Susanne Schwarzenberg, Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusministerien der Länder (KMK), Bonn
  • Andrea Schwermer, Sekretariat der KMK, Bonn
  • Eleonore Vickers, stv. Schulleiterin, Gymnasium Oberhaching
  • Dr. Christof Zelazny, Hessisches Kultusministerium, Wiesbaden
  • Die Autoren

    KE Research – „Nachdenken für den Standort Deutschland“

    KE Research unterstützt

  • Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft
  • bei der Beurteilung und Entscheidung von Zukunftsfragen
  • mit weitreichender Bedeutung
  • für den Wirtschaftsstandort Deutschland
  • Das heißt:

  • Wir betrachten Fragen unter dem Blickwinkel der Wirtschaft – wir berücksichtigen andere politische Betrachtungsebenen angemessen, aber nicht mit ideologischem Vorrang
  • Wir beschäftigen uns mit „Schlüsselthemen“ – mit potentiellen Wirkungen im Milliardenbereich
  • Wir schreiben leicht verständlich für Generalisten – und mit innovativen Anstößen für Experten
  • Die Umsetzung

    KE Research …

  • identifiziert die Schlüsselthemen für die Stärkung unseres Landes als Wirtschaftsstandort
  • sichtet die Diskussion und extrahiert die wirklich relevanten Fakten und Zusammenhänge
  • führt Interviews mit Experten und Betroffenen
  • erarbeitet eigene innovative Lösungen
  • formuliert daraus Empfehlungen an Politik, Verbände und beteiligte Unternehmen
  • liefert die richtigen Argumente für alle, die das Thema wirkungsvoll
  • vorantreiben wollen

    „Fremdsprachenausbildung am Gymnasium – Fehlende Strategie, starre Strukturen, verpaßte Chancen“

    Vernetzung zu weiteren Studien von KE Research

  • Die verpönte Elite – Management lernen am Gymnasium?
  • Das „Neue Gymnasium“ – Bildungsziele und Strukturmodell
  • Rechtliche Hinweise:
    Diese Analyse stellen wir der interessierten Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung. Die Weitergabe ist gestattet, der Nachdruck bedarf unserer schriftlichen Genehmigung. „KE Research – die Andersdenker“ ist eine europäische Gemeinschaftsmarke der Klaus Ermecke GmbH. Alle anderen erwähnten Marken gehören den jeweiligen Rechteinhabern.

    © Klaus Ermecke GmbH, im Januar 2007

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