Mai 27 2010
Fremdsprachenausbildung am Gymnasium
Fehlende Strategie – starre Strukturen – verpasste Chancen
(Klaus Ermecke und Rebecca Ermecke)
Deutsche Unternehmen machen Geschäfte in Asien, Nahost und Südamerika, aber unsere Elite von morgen büffelt weiter Französisch und Latein. Warum scheut die Politik die Ausrichtung der Ausbildung am Bedarf?
Deutschlands zukünftige Elite büffelt Fremdsprachen. Bis zu zwei Schuljahre macht aneinandergereiht der Unterricht aus, in dem die Schüler beginnend im 3. Jahr der Grundschule Vokabeln lernen, Grammatik pauken, fremdsprachigen Text übersetzen und gelegentlich sogar frei sprechend Teile eines Dialoges üben.
Kultusdeutschland betrachtet es dabei als wesentliches Merkmal höherer Bildung, daß jeder Schüler bis zum Abitur mindestens zwei Fremdsprachen erlernt(1) Im Standardfall sind dies Englisch als erste und Französisch oder Latein als zweite Sprache.
Aber für den Nachwuchs hat diese Fixierung ihren Preis:
ins Gymnasium verbaut, der Zwang zur zweiten Fremdsprache
blockiert jeden Übertritt nach dem Beginn der Klasse 6.
Aus Sicht von Wirtschaft und Staat ergibt sich ein anderes Bild, und auch das ist außerordentlich unbefriedigend:
Andererseits: Die weit überwiegende Zahl der höher gebildeten Beschäftigten in Wirtschaft und Staat benötigt ausschließlich eine einzige Fremdsprache – Englisch. Die Unternehmen suchen bzw. vermissen vielmehr ganz andere Kompetenzen:
Irgendetwas stimmt also nicht mit unserem Gymnasium und seinem Konzept. Dies wollen wir im Folgenden analysieren.
Für diese Untersuchung werden wir auf mehrere grundlegende Erkenntnisse und fundamentale Werturteile zurückgreifen(7):

Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen werden wir im Folgenden den Bedarf an Fremdsprachen analysieren und dabei auch den Wert von Englisch, Französisch und Latein unter die Lupe nehmen. Wir werden dabei die folgenden Fragen beantworten:
Und dies sind unsere wichtigsten Ergebnisse:
Sprachausbildung heute: klar am Bedarf vorbei!
Sprachen sind kein Selbstzweck: man kann Anderes lernen.
Kein guter Unterricht ohne klare Ziele
Effizientes Sprachenlernen erfordert eine neue Struktur

Die Welt – ein Babel!
Weltweit gibt es noch ca. 6.500 Sprachen in aktivem Gebrauch. Die meisten sind selten und über die Hälfte ist akut vom Aussterben bedroht.(8) Aber zumindest einige Dutzend Sprachen sind weit verbreitet: allein 880 Millionen Menschen sprechen Hochchinesisch („Mandarin“), 218 Millionen Portugiesisch, 127 Millionen Japanisch. Viele dieser Sprachen (s. Kasten links unten!) repräsentieren bedeutende Wirtschaftsräume und faszinierende Kulturen.
Das Gymnasium heute – Abbild einer anderen Welt
Das Gymnasium findet nur sehr langsam den Weg heraus aus der Tradition. Abgesehen von der Sprache Englisch, die spätestens ab der Klasse 7 praktisch allen Schülern vermittelt wird, dominieren im Klassenzimmer weiterhin Französisch und Latein. Eine gewisse Bedeutung haben noch Spanisch (zunehmend), Russisch (abnehmend) und Italienisch. Nur sehr wenige Schulen unterrichten Sprachen wie Arabisch, Chinesisch, Japanisch oder auch Niederländisch, Dänisch, Schwedisch oder Polnisch, wobei diese einzelnen Sprachen leider statistisch nicht getrennt erfaßt werden. Die nachfolgenden beiden Schaubilder zeigen den Anteil der Schüler, der in der jeweiligen Jahrgangsstufe die entsprechende Sprache belegt (Schuljahr 2005/06) (9):
Sprachenlernen – Zweck oder Selbstzweck?
Sprachenlernen kostet Geld und Zeit. Rechnet man für eine Fremdsprache pro Jahr mit 200 Arbeitsstunden des Schülers, so werden an den deutschen Gymnasien für die „zusätzlichen Sprachen“ (denen außer Englisch) pro Jahr aufgewandt
Werden die Stunden für diese Sprachen verbraucht, so stehen sie für andere Fächer nicht mehr zur Verfügung. Fremdsprachen sind Gegenstand innerstaatlicher Vereinbarungen und Objekt politischer Zielsetzungen:
Aber sind weiche Ziele eine Grundlage für eine fundierte Aussage, welche Sprachen eigentlich vermittelt werden sollen, in welcher Art und an wie viele Schüler? Wir fragten alle Kultusministerien und die KMK, ob diese eigentlich über eine Bedarfsanalyse verfügten. Das Ergebnis: Fehlanzeige! Kein Bundesland hat eine fundierte Untersuchung darüber, ob man eigentlich weiterhin 208 Millionen Schülerstunden pro Jahr in Französisch investieren oder statt dessen lieber z.B. Chinesisch oder Arabisch forcieren sollte. Und weder der DIHK noch die Wirtschaftsverbände haben diesen Stellen bisher konkrete Forderungen präsentiert. Unserer Auffassung nach fehlt es bezüglich der Fremdsprachenausbildung an operationalisierbaren Zielen – und überhaupt an einer Zieldiskussion!
Wir sehen für die Fremdsprachenausbildung allein zwei vorrangige legitime Ziele:
Muttersprachen und Mittlersprachen
Jeder Mensch lernt in früher Kindheit eine oder zwei Muttersprachen, die ihn meist sein ganzes Leben begleiten: als primärer Teil seiner Identität und Ausdrucksbaukasten seines eigenen Denkens. Dabei ist die Verzahnung der Persönlichkeit mit der Muttersprache besonders intensiv:
Hat er die Wahl, so ist ihm meist die Kommunikation in der Muttersprache am angenehmsten: in dieser kann er intuitiv und schnell alle Gedanken ausdrücken und mit geringstmöglicher Anstrengung zuhören, überlegen und antworten. Aber die Sprachenvielfalt auf der Welt bewirkt Situationen, in denen Menschen unterschiedlicher Muttersprache aufeinandertreffen. Wie sollen sie sich verständigen? Es gibt vier Strategien:
Diese vier Strategien haben alle unterschiedliche Vor- und Nachteile – und sie haben Auswirkungen auf die Auswahl der zu lernenden Fremdsprachen und das Unterrichtskonzept.
Strategie #1: Einsatz eines Dolmetschers
Ein Dolmetscher kann jederzeit zu fremden Personen oder Unternehmen Kontakt aufnehmen. Auch kann er (bzw. ein Übersetzer) jederzeit Dokumente sichten oder übersetzen.
Aber den Einsatz eines Dolmetschers gibt es nicht umsonst:
Strategie #2: Eigene Muttersprache als Nabel der Welt Zur Aufwandsminimierung wäre es eindeutig am besten, überhaupt keine Fremdsprache zu lernen.
Das Problem: die Nichtverfügbarkeit fremder Sprachen verdammt zur Passivität. Nachrichtenströme und das in der fremden Sprache niedergelegte Wissen bleiben verschlossen. Geschäfte machen dann andere, Bedrohungen aller Art bleiben unerkannt.
Strategie #3: Nutzung einer Mittlersprache
Das Erlernen einer einzigen Mittlersprache (z.B. Englisch) ermöglicht den Kontakt mit einer Vielzahl von Menschen in vielen Staaten. Offenbar ist dies die aufwandsminimale Lösung, um mit anderen Menschen und Organisationen in Kontakt zu kommen.
Aber der Gebrauch einer Mittlersprache führt oft nur zu einer eingeschränkten Kommunikation.13) Mögliche Gründe dafür sind:
Strategie #4: Lernen der fremden Muttersprache
Das Erlernen der Muttersprache einer Zielperson oder –Firma erlaubt die uneingeschränkte Initiative – sowohl gegenüber Personen als auch zur Erschließung vorhandener Dokumente. Die Limitierungen wie beim Gebrauch einer Mittlersprache bestehen nicht.
Jeder Zugewinn an Sprachkompetenz kann unmittelbar umgesetzt werden. Die Beherrschung der Muttersprache erlaubt die „Gewinnung der Herzen“, den Aufbau emotionalen Einflusses auf den Gesprächspartner. Und wer Dokumente aus dem Lande lesen muß – als Diplomat, Marktforscher oder Journalist – ist auf die Beherrschung der lokalen Sprache ohnehin zwingend angewiesen.
Das Problem hier: ein Mensch kann stets nur sehr wenige Sprachen lernen: er muß sehr früh Entscheidungen treffen und legt sich damit fest. Und: Sprachen sind untereinander nicht substituierbar. Wer einem Taxifahrer in Sao Paulo oder Osaka sein Fahrziel beschreiben muß, kann dort mit Kenntnissen in Latein, Französisch oder Arabisch mutmaßlich wenig anfangen.
Strategien für Unternehmen
Wie die vorausgegangene Analyse nahelegt, benötigen Unternehmen für ihre Auslandsaktivitäten ein Mix von Kompetenzen:
Sprachen ja – aber welche?
Unzweifelhaft ist Englisch heute mit weitem Abstand die wichtigste Fremdsprache: (14)

Gegenüber Englisch fällt die Bedeutung des Französischen deutlich ab. Nur 77 Millionen Menschen benutzen es als Muttersprache, deutlich weniger als z.B. Deutsch (s. Tabelle, S. 4). Damit steht Französisch nur auf Platz 13 der Rangfolge der Weltmuttersprachen. Französisch als Zweitsprache benutzen 50 Millionen15).
Die verbreitete Annahme, Französisch sei wegen seines offiziellen Status in vielen Staaten Afrikas eine bedeutende Weltsprache, entpuppt sich bei kritischer Analyse als Fehleinschätzung! Die wirtschaftliche Basis fehlt. Frankreich selbst hat ein Brutto-Inlandsprodukt (BIP) von nur ca. 75% des deutschen, und alle 22 schwarzafrikanischen Staaten mit französischem Spracheinfluß bringen es gemeinsam gerade einmal auf etwa 5% des französischen BIP. Viele dieser Länder sind notorisch instabil. Die nordafrikanischen Staaten Algerien, Marokko und Tunesien erzielen gemeinsam ca. 10% des französischen BIP.
Wir baten BMW (106.000 Mitarbeiter) um eine Einschätzung, wie viele seiner Angestellten eine Fremdsprache außer Englisch benötigten. Diese Zahl liegt bei etwa 10.000. Und für maximal 10% davon ist die benötigte Sprache Französisch.16) Bildet man nun den anteiligen Lernaufwand (vgl. S.5) auf das Bedarfsprofil von BMW ab, so ergibt sich folgendes Bild (s. Abb. rechts unten):
Unterstellt man BMW als typisch für global tätige deutsche Firmen, dann zeigt sich hier die Ineffizienz unserer Elitenausbildung:
Sprachenlernen am „Neuen Gymnasium“
Im Rahmen unserer Vision „Neues Gymnasium“ wird die Fremdsprachenausbildung neu ausgerichtet. Das bedeutet:
Kurssystem und der Abdeckung zahlreicher neuer Sprachen.
Die erste Fremdsprache ist Englisch – „no exception!“
Englisch ist offensichtlich von überragender Bedeutung für jeden künftigen Studenten und jeden, der eine gehobene berufliche Position anstrebt. Daher ist in unserem Entwurf Englisch die erste Fremdsprache – an allen Schulen und ohne Ausnahme.
Dies gilt auch für die Grundschule. In den vergangenen Jahren haben alle Bundesländer damit begonnen, in den Grundschulen ab Klasse 1 oder 3 Fremdsprachunterricht einzuführen. Aber auch die Grundschulen vermitteln nicht durchgängig Englisch (s. Kasten links).17) Damit entsteht für den späteren Unterricht am Gymnasium eine heterogene Ausgangsbasis. Die Vorkenntnisse der meisten Schüler können so nicht zur Beschleunigung des gymnasialen Englischunterrichts genutzt werden. Durch diese Inkonsequenz setzt man die Umzugsfähigkeit der Eltern herab und schafft an den Gymnasien überflüssige Probleme.
Wir plädieren daher für einen verbindlichen Englischunterricht in den Klassen 3 und 4 der Grundschule. Am Gymnasium dienen dann die Klassen 5 und 6 als „Englisch-Prioritätsphase“. Erst ab Klasse 7 wird im Stundenplan ein Zeitrahmen für die Folgefremdsprachen (oder andere Wahlfächer) freigehalten. Diese Standardisierung vereinfacht die Schulorganisation erheblich.
Der Zwang entfällt – Freie Bahn für neue Sprachen
Für eine zweite Fremdsprache besteht weder im Studium, noch im Beruf ein regelmäßiger Bedarf. Auch ist das gesellschaftliche Werturteil nicht nachvollziehbar, nur eine Zweitfremdsprache markiere höhere Bildung. Der Zwang wird daher aufgehoben.
Weitere Sprachen werden dadurch neu positioniert: sie sind freiwillig und für den erfolgreichen Absolventen eine gute Karrierehilfe. Die Abschaffung des Zwangs bringt sofort Vorteile:
Vorüberlegungen zur Organisation der Sprachausbildung
Das vollständige Erlernen einer Sprache kostet sehr viel Zeit. Ein Schüler lernt daher zwangsläufig zunächst nur einen Teil der Sprache. Einige Schüler wollen nur in die Sprache hineinschnuppern, andere wollen sie später umfassend beherrschen.
Daraus ergeben sich mehrere Herausforderungen:
Das Lernen einer Sprache zielt vor allem anderen auf die Fähigkeit zur Verständigung. Verständigung findet statt in konkreten Lebenssituationen („Szenarien“). Szenarien sind z.B.:
Diese Szenarien treten in allen Kulturen auf und sind dort ähnlich häufig. Das schafft die Möglichkeit, ein einheitliches Kursschema für alle Fremdsprachen zu definieren. Das Mitteilen einer technischen Störung wird beispielsweise für alle Sprachen Teil des Kurses „A“, während Bewerbungsgespräche in Kurs „B“ wandern.
Rollenprofile als Bezugsrahmen für die Stoffauswahl
Nach unserer Analyse sehen wir vier verschiedene Profile, die ein Ausländer typischerweise ausfüllen kann:
Diese Profile bauen in den sprachlichen Anforderungen aufeinander auf. Ein „Besucher“ kommt zunächst mit nur einem Teil der Szenarien aus und muß sie weniger perfekt beherrschen.
Organisation des Lernens: das neue modulare Kurssystem
Die Ausbildung findet in allen Sprachen nach einem einheitlichen Grundschema statt, in drei Modulen, dem A-, B- und C-Block.18) Jedes Modul dauert 2 Jahre und umfaßt 6 Wochenstunden (s. Schaubild unten). Mit 12 Jahreswochenstunden entspricht es dem Zeiteinsatz einer bisherigen dritten Fremdsprache (bisher 3 Jahre á 4 Wochenstunden).
Die Blocks werden von den Jahrgangsstufen entkoppelt. Sie werden so in den Stundenplan eingebaut, daß jeweils Schüler aus 2 (ausnahmsweise 3) Jahrgangsstufen einen solchen Kurs besuchen können, um so auch bei „exotischen“ Sprachen die notwendige Mindestzahl von Teilnehmern zu erreichen. Die Klassen 5 und 6 werden aber freigehalten („Englisch-Prioritätsphase“). Die Blocks werden den oben dargestellten Anwenderprofilen zugeordnet. Schon der A-Block macht den Schüler fit für alle relevanten Szenarien der Besucherrolle. Dem B- und C-Block sind entsprechend die Profile „Resident“ und „Repräsentant“ zugeordnet. Die Qualifikation für eine „Analytiker“-Rolle entsteht als Nebenprodukt im B- und C-Kurs.
Jeder Block teilt sich in einen Kommunikationskurs (KK) und einen Schrift- und Lesekurs (SLK). Hierdurch soll sichergestellt werden, daß die Schüler wirklich Sprechen üben und nicht – wie früher üblich – vor allem Text übersetzen. Abweichende Schriftsysteme (z.B. Chinesisch) werden im SLK schrittweise erarbeitet.
Jeder Baustein endet mit einer wiederholbaren Zentralprüfung und wird mit einem eigenständigen Zertifikat belohnt. Der Schüler kann danach den Folgekurs besuchen oder das Fach wechseln.
Der A-Block – Spracheinstieg für die Besucherrolle
Der A-Block vermittelt den „Überlebenskern“ der Sprache und ermöglicht einem „Besucher“ die flüssige verbale Kommunikation vor Ort in zahlreichen Standardszenarien. Klare und korrekte Aussprache sowie das sichere Beherrschen einer Kerngrammatik stehen im Vordergrund. Wortschatz und Ausdrucksformen sind noch beschränkt, aber der Schüler erwirbt ein Gesamtverständnis für die Sprache – als Basis für ein eigenständiges Weiterlernen. Die Landeskunde konzentriert sich auf Geographie sowie jungen Schülern verständliche Kultur- und Freizeitthemen.
Der B-Block – Grundlagen für das Leben im fremden Land
Der B-Block führt den Schüler in eine neue Rolle: jetzt übt er Szenarien, in denen er als „Resident“ in dem fremden Land lebt. Die Grammatik wird in diesem Modul komplettiert. Schriftliche Ausdrucksformen erhalten jetzt deutlich höheres Gewicht. Hörund Textverständnis werden stark ausgebaut und damit auch die Voraussetzungen für die „Analytiker“-Rolle gelegt. In der Landeskunde werden Geschichts- und Wirtschaftsthemen vertieft und ein Einblick in das Rechtssystem geschaffen.
Der C-Block – breitbandige Perfektionierung
Der C-Block zielt auf das Rollenprofil „Repräsentant“ und dient der umfassenden Perfektionierung. Nach Beherrschen der Grammatik rücken Ausdrucksformen und Stil in der Erwachsenensprache in den Mittelpunkt. Passiver Wortschatz und Hörverständnis werden auf einzelne wichtige Dialekte ausgeweitet. Die Landeskunde erschließt politische und zeitgeschichtliche Hintergründe.
Vorbereitung auf den Einsatz
A-, B- und C-Block ersetzen nicht die sprachliche Einarbeitung vor der Übernahme einer Funktion im Ausland, verkürzen aber gegenüber heute deutlich die dafür erforderliche Zeit.
Gedanken zur Umsetzung
Die Umsetzung des hier entwickelten Reformmodells erfordert
zwei Hauptkomponenten: „Aufräumen“ und Neuaufbau.
Das Aufräumen sollte sofort geschehen – durch Streichen der
Pflicht zur zweiten Fremdsprache und Standardisierung auf die
Erstfremdsprache Englisch.
Für den Neuaufbau ergeben sich zunächst fünf Hauptaufgaben:
Die Konzeption des Modulkonzeptes erfordert das Zusammenführen von Auslandsexpertise aus Wirtschaft, Auswärtigen Diensten, Medien und Sprachwissenschaft. Beratungs- oder Forschungsfirmen erledigen derartige Aufgaben schneller und preiswerter als 16 einzelne Ministerien. Sobald das generische Kursmodell festgelegt ist, sind auf diesem alle Einzelsprachkurse aufzubauen. Die heute bestehenden Lehrpläne und Prüfungsrichtlinien („EPA“) werden ersetzt.
Die Bedarfsermittlung sollte zunächst durch die Kammern erfolgen sowie evtl. durch das Bundessprachenamt (hinsichtlich der Anforderungen im Staatsdienst). Die Bedarfssteuerung hat „sanft“ zu geschehen: durch sorgfältige Information von Elternund Schülern sowie den sukzessiven Aufbau von Kapazität.
Ein Kernproblem ist die Rekrutierung geeigneter Lehrer. Offensichtlich wird von einem Koreanisch-Lehrer vor allem die perfekte Beherrschung der koreanischen Sprache benötigt. Deutsche pädagogische Staatsexamen und Erfahrungen in anderen Fächern sind vergleichsweise nachrangig. Es werden also primär Muttersprachler angeheuert werden müssen, mit Deutschkenntnissen und einer pädagogischen Zusatzausbildung.
In Frage kommen auch in Deutschland lebende Ausländer. In Deutschland leben z.B. 22.000 Koreaner, 62.000 Iraner und 83.000 Vietnamesen.19) Viele von ihnen sind Akademiker, und einige sogar ausgebildete Lehrer. Manche der Akademiker schlagen sich hier mit unterwertigen Tätigkeiten durch und wären vielleicht stolz, wenn sie hier die Chance erhielten, statt dessen deutschen Jugendlichen ihre eigene Muttersprache zu vermitteln.
Die beste Lösung läge allerdings darin, erfahrene private Lehrinstitute zu beauftragen, die Kurse an den jeweiligen Gymnasien durchzuführen (Outsourcing). Das Institut muß die Kontinuität sicherstellen und bei Ausfall qualifizierte Ersatzlehrer bereitstellen. Lehrer werden in der Regel mobil eingesetzt. Ein anderes Institut sollte die Fachaufsicht übernehmen.
Epilog:
Latein – der hausgemachte Bedarf
Gibt es einen Bedarf für eine Ausbildung in Latein? Jedes Jahr werden Hunderttausende von Eltern in Veranstaltungen der Schulen mit genau dieser Behauptung konfrontiert: „Ja, der Lateinunterricht ist wichtig – wählen sie für ihr Kind diese Sprache!“ Und wer trägt diese Gründe vor? Es sind – die Lateinlehrer.
Die fünf wichtigsten Argumente:
Aber diese Argumentation verliert mit der Einführung des hier propagierten neuen Modells ihre Bedeutung:
In der Tat aber ist Latein immer noch Voraussetzung für das Studium bestimmter Fächer. Wir versuchen, die Logik zu durchschauen20):
In den letzten Jahrzehnten wurden die altsprachlichen Forderungen in vielen Studiengängen (z.B. Medizin) bereits abgebaut. Wir empfehlen eine konsequente weitere regulatorische Entrümpelung.
Fazit
Unsere Empfehlungen
Politik – Länder
Universitäten
DIHK
Politik – Bund
Endnoten
1) www.kmk.org/doc/publ/Vereinbarung_schularten_bildungsgaenge.pdf, Ziff. 4.1.3.
2) Nach Auskunft mehrerer Kultusministerien werden in solchen Fällen oft Ausnahmegenehmigungen erteilt. In den meisten Fällen wird der Schüler die fehlende Sprache nachlernen müssen.
3) In den Wirtschaftswissenschaften spricht man in so einem Fall von „Opportunitätskosten“. Ein Hauptmangel der bildungspolitischen Diskussion in Deutschland besteht darin, daß die Opportunitätskosten der traditionellen Lehrangebote fast nie kritisch analysiert werden. Unsere Folgestudie „Das ‚Neue Gymnasium’“ wird dieses Thema grundsätzlich aufrollen.
4) Schätzung der Deutschen Auslandshandelskammer in Tokyo
5) In unserer Studie „Die verpönte Elite – Management lernen am Gymnasium“ vom Nov. 2006 schlagen wir hierzu eine weitreichende und durchgreifende Reform vor
6) Mehrere Länder (u.a. Bayern) haben mittlerweile einen verbindlichen Unterricht in Wirtschaft und Recht eingeführt.
7) In unserer Studie „Das ‚Neue Gymnasium’“ werden wir uns mit der Rolle des Gymnasiums grundsätzlich befassen – und auf dieser Basis eine neue Struktur dieser Schule entwickeln. Hier nehmen wir bestimmte Überlegungen stillschweigend vorweg.
Beispiele sind die meisten nordamerikanischen Indianersprachen und Niedersorbisch in Deutschland. www.ethnologue.com
9) basierend auf Zahlenmaterial des Statistischen Bundesamtes
10) Da stark abweichende Datensammlungen existieren, können die aufgelisteten Zahlen aus der Wikipedia nur als Orientierung dienen. Ethnologue klassifiziert Varianten (z.B. Schwäbisch, Bairisch) oft nicht als Dialekte, sondern als eigene Sprachen. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Sprachen_nach_der_Zahl_ihrer_Muttersprachler, www2.ignatius.edu/faculty/turner/languages.htm
11) vgl. http://europa.eu/documents/comm/white_papers/pdf/com95_590_de.pdf , S. 59
12) z.B. Abkommen mit Polen: eine Übersicht gibt http://www.kmk.org/doc/publ/Situation_Polnischunterricht.pdf
13) Das sehen auch die Amerikaner so und beklagen ihrerseits die mangelnden Fremdsprachkenntnisse der US-Akademiker: http://language.stanford.edu/about/conferencepapers/panettapaper.pdf
14) Zur sich entwickelnden Rolle der englischen Sprache in der Welt aus britischer Sicht vgl. www.britishcouncil.de/pdf/englishnext-2006.pdf
15) www.ethnologue.com. Die Angaben zur Nutzung des Französischen weichen in den verschiedenen Quellen teilweise stark ab.
16) Dr. Ludwig Reichart, Bildungspolitischer Sprecher der BMW AG, im Interview
17) Die Statistik umfaßt auch Klassen, die Einwandererkindern Unterricht in deren Muttersprache erteilen (z.B. Türkisch).
18) Die Bezeichnungen „A“,“B“,“C“ korrespondieren hier nicht mit der bekannten Codierung in dem Europäischen Referenzrahmen. Wir haben die Großbuchstaben zur Bezeichnung der Blocks gewählt, um diese klar von den Jahrgangsstufen zu trennen, von denen sie entkoppelt sein sollen. Vgl. http://www.kmkfremdsprachen/zertifikat/lernnetz.de/handr/rr.htm#drei
19) Daten: Statistisches Bundesamt
20) Die nachfolgenden Beispiele stammen aus dem Merkblatt „Fremdsprachenkenntnisse für das Studium an der LMU“ der LMU München. Im Gegensatz zu früher sind dort die Lateinkenntnisse nicht mehr Einschreibungsvoraussetzung, sondern müssen erst zur Zwischenprüfung oder zum Examen nachgewiesen werden: www.unimuenchen.de/studium/beratung/studienverlauf/fremdsprachen/fremdsprachen.pdf
21) ebenda
Quellen
www.altphilologenverband.de/framesetlatein.html
www.britishcouncil.de/pdf/english-next-2006.pdf
www.destatis.de
http://ec.europa.eu/education/doc/official/keydoc/lb-de.pdf
www.ethnologue.com
http://europa.eu/scadplus/leg/de/cha/c11068.htm
www2.ignatius.edu/faculty/turner/languages.htm
www.kultusministerium.badenwuerttemberg.
de/extsites/fremdsprache/karte_franz.htm
http://language.stanford.edu/about/conferencepapers/panettapaper.pdf
www.rosettastone.com
www.uni-muenchen.de
www.wikipedia.de, www.wikipedia.com
Interviews
Wir danken folgenden Interviewpartnern für ihre eingebrachte Zeit sowie ihre wichtigen Informationen, Hinweise, Kritik und Erläuterungen:
Die Autoren
KE Research – „Nachdenken für den Standort Deutschland“
KE Research unterstützt
Das heißt:
Die Umsetzung
KE Research …
vorantreiben wollen
„Fremdsprachenausbildung am Gymnasium – Fehlende Strategie, starre Strukturen, verpaßte Chancen“
Vernetzung zu weiteren Studien von KE Research
Rechtliche Hinweise:
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© Klaus Ermecke GmbH, im Januar 2007
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